Der unglaubliche Sog des Bösen

München - Bereits bei seinem Erscheinen in Frankreich machte Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten" Furore. Nun erscheint die fiktive Biografie eines SS-Offiziers auf Deutsch.

Schon Peter Weiss brachte in der "Ermittlung" eine solche Figur auf die Bühne: einen SS-Schergen, der an der Rampe in Auschwitz steht, die Gefangenen selektiert und dabei Goethes Iphigenie zitiert - literarisch gebildet, bürgerlich erzogen, ohne jedes Mitgefühl, ohne persönliche Bosheit, aber ganz dem Bösen verhaftet. Nun gibt der Autor Jonathan Littell solch einem schöngeistigen Henker einen neuen Namen. Max Aue heißt der fiktive Held seines Romans "Die Wohlgesinnten". Das Buch reüssierte in Frankreich. In wenigen Wochen wurde es über 170 000 Mal verkauft, trotz einer Länge von (französischen) 912 Seiten. Die Kritik überschlug sich (nicht nur mit Lob), und der Newcomer heimste auf Anhieb renommierte Literaturpreise ein. Nun ist das Buch in einer hervorragenden deutschen Übersetzung von Hainer Kober mit über 1300 Seiten auch hierzulande zu haben: Man munkelt, dass der Berlin Verlag für die Rechte über eine halbe Million Euro hingeblättert haben soll.

Was ist das Faszinosum an der fiktiven Autobiografie eines hochrangigen SS-Offiziers? Da ist einmal die Ich-Form, die dem Leser Identifikationspotenzial mit der Figur bietet. Max Aue ist Jurist, homosexuell, gebildet, kennt Platons Gastmahl im griechischen Original fast auswendig, liebt Musik von Couperin, Bach, Rameau, spricht fließend Französisch, da er einen Teil seiner Kindheit in Frankreich verbracht hat.

In seiner Eigenschaft als SS-Offizier befehligt er zunächst die "Aktionen" (das sind systematische Erschießungen) gegen die Juden in den eroberten Ostgebieten. Mit akribischer Beobachtungsgabe verfolgt er die Geschehnisse und zeichnet sie auf. Dabei fehlt diesem Ich-Erzähler jedes Mitleid, jedes Mitempfinden, jedes Trauern. Indifferent ist seine Haltung gegenüber dem fremden Tod und gegenüber seinem eigenen. ("Was wollt Ihr von mir? ... Ihr werdet sterben, na und? Auch ich werde hier vermutlich sterben, alle werden hier sterben. Das ist der Einheitstarif.")

Was den Leser so bewegt, ist die Fülle der glänzend recherchierten Zusatzinformationen, die das Buch authentisch machen. Zum Beispiel die Reaktion der SS auf den Befehl des Generals von Manstein, des Oberbefehlshabers der 11. Armee: "Für Offiziere ist es unehrenhaft, den Hinrichtungen von Juden beizuwohnen." Aues Chef Blobel erkennt sofort, was dahintersteckt: "Diese Halunken. Wollen hinterher sagen können: ,Oh nein, wie schrecklich. Wir waren das nicht. Das waren die anderen, die Mörder von der SS. Wir haben damit nichts zu tun. Wir sind Soldaten. Wir haben ehrenhaft gekämpft... Und wenn's schief geht, werden sie uns alles in die Schuhe schieben, während sie sich ganz sauber, ganz elegant aus der Affäre ziehen... Weil... das alles wird eines Tages rauskommen. Alles. Zu viele Leute wissen davon, zu viele Zeugen. Und wenn es rauskommt, ist mächtig was los, egal, ob wir den Krieg gewonnen oder verloren haben. Das gibt einen mordsmäßigen Skandal. Da werden Köpfe rollen. Und es werden unsere Köpfe sein, die der Öffentlichkeit serviert werden. Während das ganze Preußenpack, diese von Mansteins, von Rundstedts, von Brauchitschs und von Kluges auf ihre komfortablen Von-Soundso-Herrenhäuser zurückkehren und ihre Von-Soundso-Memoiren schreiben, wobei sie sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, weil sie solche anständigen und ehrenhaften Von-Soundso-Soldaten waren. Und uns hauen sie in die Pfanne."

Es sind Stellen wie diese, die den Roman so süffig machen. Diese SS-Offiziere sind ja keine primitiven und brutalen Dummköpfe, sondern sie haben Durchblick, philosophische Tiefe und Erkenntnisvermögen. Was ihnen aber fehlt, ist Respekt vor dem Leben anderer und vor dem eigenen.

Der Roman ist aufgebaut wie eine Suite: Er zerfällt in die Teile Allemande I und II, Courante, Menuette, Gigue. Jeder Teil des Buchs bringt den Helden weiter, die ersten beiden handeln von den Erschießungen der Juden, die Courante erzählt von seiner Strafversetzung nach Stalingrad und der Rettung aus der Einkesselung. Die folgenden Teile behandeln seine Karriere in Berlin und sein Abtauchen in Frankreich nach Kriegsende. Das ist nicht ohne unglaubliches sprachliches Geschick erzählt und schlägt den Leser in den Bann, saugt ihn ein in das Böse. Doch was dem Roman fehlt, ist eine Distanzierung des Autors von seiner Figur, eine Kritik des Sprechers am Erzählten, ein spürbares Zurechtrücken der Kategorien Gut und Böse.

Der Erzähler kommentiert das Leben seiner Figur in keiner Weise kritisch, sondern lässt Aue in seinem braunen Sumpf stecken, ohne die Falschheit seines Handelns aufzuzeigen. So bleibt das unfasslich Grauenhafte unverarbeitet und setzt den schrecklichen Rechtsgelehrten nicht ins Unrecht.

Jonathan Littell: "Die Wohlgesinnten". Aus dem Französischen von Hainer Kober. Berlin Verlag, 1381 Seiten; 36 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare