Blick in die Neue Musik Festhalle auf der Münchner Theresienhöhe, als Gustav Mahler im Vorfeld des 12. September 1910 die Uraufführung seiner achten Symphonie probte. fkn

Das Universum erklang auf der Theresienhöhe

München - 1030 Künstler vor gut 3000 Zuhörern: Am 12. September 1910 leitete Gustav Mahler die Uraufführung seiner achten Symphonie in München

von tobias hell

„Es ist das Größte, was ich bis jetzt gemacht habe. Denken Sie sich, dass das Universum zu tönen und zu klingen beginnt, es sind nicht mehr menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen, welche kreisen.“ Solch selbstbewusste Worte lassen Großes erahnen. Und tatsächlich: Was Gustav Mahler mit seiner achten Symphonie geschaffen hat, dürfte selbst dem routinierten Konzertbesucher noch ein bewunderndes Staunen abringen. Allein schon wegen ihrer bis dato kaum dagewesenen Besetzung, die ihr den vom Komponisten wenig geschätzten Beinamen „Symphonie der Tausend“ einbrachte.

Ganze 1030 Mitwirkende nennt der Programmzettel der Uraufführung vom 12. September 1910. Davon neben acht hochkarätig besetzten Gesangssolisten, einer Orgel und dem stark aufgestockten Orchester allein drei große Chöre, die unter der Stabführung des Schöpfers das Mammutwerk aus der Taufe hoben. Eine Besetzung, die man in München im ersten Anlauf gar nicht allein zu schultern vermochte und sich Verstärkung aus Wien und Leipzig holte. Wochen zuvor hatte das Feuilleton der Premiere entgegengefiebert und erste Einblicke in die neueste Komposition Mahlers gewährt. Ja, sogar von den - nicht immer harmonischen - Proben wurde bis weit über die Landesgrenze berichtet.

Der große Tag selbst wurde eines der gesellschaftlichen Ereignisse des Jahres 1910. In Scharen drängten sich die Münchner vor der Neuen Musik Festhalle auf der Theresienhöhe, um dort die illustre Gästeschar zu beobachten. Königlichen Hoheiten wie Prinzessin Gisela von Bayern und Prinz Ludwig Ferdinand waren ebenso zugegen wie Persönlichkeiten des kulturellen Lebens: Siegfried Wagner, Richard Strauss, Thomas Mann, Stefan Zweig, Bruno Walter sowie die Opernsänger Erik Schmedes und Anna Bahr-Mildenburg. Alle waren gekommen, um Mahler die Ehre zu erweisen.

Als jener das Dirigentenpult erklomm, erhoben sich die knapp 3000 Zuhörer von ihren Plätzen und verharrten für einen schier endlos scheinenden Augenblick in lautlosem Schweigen. Für Mahlers Frau Alma „die ergreifendste Huldigung, die je einem Künstler bereitet wurde“. Welchen Eindruck nach diesem Moment der Stille die donnernden Worte des „Veni, creator spiritus“ gemacht haben, lässt sich wohl wirklich kaum in Worte fassen.

Denn Mahler, der große Operndirigent, der dem Musiktheater kaum etwas hinterlassen hat, fährt schon bei diesem machtvollen Choral schweres Geschütz auf. Sein volles dramatisches Potenzial zeigt jedoch der zweite Teil der Symphonie, der nach einer ruhigen instrumentalen Überleitung in die pathosgeladene Schlussszene von Goethes Faust II mündet, die in einer genialen Mischung aus Oper und Kantate vertont wurde.

Dass diese Verschmelzung der Gattungen manchen Kritiker fast zwangsläufig irritieren musste, lässt sich aus damaliger Sicht nachvollziehen. Andere aber, wie die Kammersängerin Lilli Lehmann, traf Mahler mitten ins Herz: „Sein Werk, das mit 1000 Mitwirkenden besetzt war, klang wie aus einem Instrument, aus einer Kehle.“

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