In unmenschlicher Zeit

- "Ich rannte um mein Leben, jeden Augenblick einen Pistolenschuss hinter mir erwartend; aber ein solches Ende zu finden, war mir immer als ein weit besseres Geschick erschienen als das Unvorstellbare, das mir in Auschwitz oder Litzmannstadt, in Treblinca oder Izbica bevorstehen würde", erklärte Marianne Ellenbogen, geborene Strauß, im Nachhinein ihre spontane Flucht, die ihr das Leben rettete.

<P>Wer war diese Marianne Ellenbogen, über die der britische Historiker und Schriftsteller Mark Roseman ein Buch geschrieben hat - die von ihr zum Teil noch selbst in Gesprächen miterarbeitete Biografie "In einem unbewachten Augenblick"? Roseman wird für dieses Buch mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2003 ausgezeichnet.<BR><BR>Am 7. Juni 1923 wird Marianne Strauß als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie in Essen geboren. Die Eltern Siegfried und Regina Strauß fühlten durch und durch deutsch, waren so genannte assimilierte Juden. Siegfried und sein Bruder waren aus dem Ersten Weltkrieg als reichlich dekorierte Helden hervorgegangen.<BR><BR>"Es war von Anfang an beschlossen, dass ich nirgends länger als drei Wochen bleiben konnte." <BR>Marianne Strauß</P><P>1919 gründeten beide eine Getreide- und Rinderfuttermittelfirma in Essen, wo man alsbald zu den Reichen der Stadt zählte. Als der Nazi-Terror in Deutschland und also auch in Essen wütete, gab sich die Familie - obwohl längst schon gezwungen, in einem entwürdigenden Zustand zu leben - lange der Illusion hin, sie sei, da unter dem persönlichen Schutz der Wehrmacht stehend, sicher. Und tatsächlich gehörte sie zu den letzten Juden, die in Essen am 31. August 1943 von der Gestapo abgeholt und nach Theresienstadt und später Auschwitz transportiert wurden. Bis auf Tochter Marianne. Dem 20-jährigen jungen Mädchen war es gelungen, während der Verhaftung zu entkommen.<BR><BR>Es begannen für sie 20 lange Monate der Flucht, des Sich-Versteckens, der Angst, des Sich-Durchschlagens. Eine Zeit absoluter Lebensgefahr, in der Marianne angewiesen war auf die Hilfe, den Mut, die Risikobereitschaft von Menschen, die ihr bis dahin wildfremd waren, die sie bei sich aufnahmen, versorgten, weiterleiteten. Menschen, die alle lose vereinigt waren in der deutschen Widerstandsgruppe "Der Bund", einer aus der Volkshochschulbewegung hervorgegangenen, in den 20er-Jahren von Artur Jacobs gegründeten "Gemeinschaft für sozialistisches Leben". Marianne Strauß hatte Kontakt zu Jacobs, weil sie bei seiner Frau, der Ausdruckstänzerin Dore Jacobs, Tanzstunden genommen hatte. Nun auf der Flucht, wandte sie sich in ihrer Not an ihn, und Artur Jacobs setzte ein beispielloses Räderwerk rettender Hilfsbereitschaft in Gang.<BR><BR>So überlebte Marianne Strauß, kreuz und quer durch Deutschland "reisend", als Einzige ihrer Familie den Krieg. Für kurze Zeit wurde nun Düsseldorf ihr Zuhause. Die eineinhalb Jahre dort "gehören mit zu meinen schönsten und hellsten Erinnerungen", sagte sie später, als sie als verheiratete Marianne Ellenbogen längst in Großbritannien lebte, wo sie 1996 starb.<BR><BR>Autor Mark Roseman hatte Marianne Ellenbogen noch zu ihren Lebzeiten in Liverpool besucht. Vieles aus ihrem Leben hat die alte Dame ihm erzählt, hat mit ihm zusammen noch einmal die schmerzhafte Reise in die Vergangenheit gewagt. Vieles jedoch, wie sich nach ihrem Tod herausstellte, hat sie aber auch verschwiegen oder anders erzählt, als es sich wirklich zugetragen hat. Ihre Erinnerung war wohl mitunter dem Willen ihres Unterbewusstseins unterlegen. </P><P>Aus dem tiefen Fundus ihres Lebens, der in Form von Briefen, Tagebüchern, Zetteln, Bildern, Dokumenten und so weiter jahrzehntelang unangetastet und verschnürt im Keller des Ellenbogen-Hauses lag, hat Roseman nun nach deren Sichtung Baustein um Baustein diese Biografie zusammengesetzt. Er spürt nicht nur dem Schicksal der jungen Marianne Strauß und ihrer Familie nach. Roseman erforscht auch die 40 Jahre des Lebens der Marianne Ellenbogen nach dem Holocaust, die Suche nach Überlebenden der Familie, den Kampf um "Wiedergutmachung", das heißt, um die Rückführung dessen, was ihren Eltern einst genommen wurde. Und immer wieder befragt er Menschen, die Marianne einst kannten - Weggefährten, selbstlose Helfer, raffgierige Nachbarn, ausgekochte Bankiers und ehemalige Schulkameradinnen, die von allem nichts gewusst haben wollen.<BR><BR>"In einem unbewachten Augenblick" ist darum ein so außerordentliches Buch, weil es sich erstens bei Marianne Ellenbogen um eine außergewöhnliche Persönlichkeit handelt. Weil es zweitens Artur Jacobs und den "Bund" in den Mittelpunkt rückt und damit zeigt: Es war möglich, in unmenschlicher Zeit menschlich zu sein. Und weil drittens diese historisch-wissenschaftliche Biografie von der ersten bis zur letzten Seite fesselt wie ein Bestseller. Was sie ja noch werden könnte.</P><P>Mark Roseman: "In einem unbewachten Augenblick". <BR>Aus dem Englischen von Astrid Becker. <BR>Aufbau-Verlag, Berlin. <BR>583 Seiten<BR>25 Euro.</P>

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