Das Unnatürliche ist oft das Natürliche

- Genmanipulation, Klonen, Designerbabys, Menschenzucht? Fragen, die die Existenz der Gesellschaft betreffen. Fragen, die sich also auch die Kunst stellen muss. Im konkreten Fall: das Theater. In ihrer Redereihe "In welcher Zukunft leben wir?" warten die Münchner Kammerspiele mit einem hochkarätigen Gast, einem Mitglied des Ethikrates auf. Am kommenden Sonntag, 11 Uhr, spricht Entwicklungsbiologin und Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard im Schauspielhaus zum Thema "Menschenzucht - oder die Forschung am Menschen".

<P>Soll der Ethikrat den Dissens offen austragen? Oder soll er die öffentliche Debatte intern vorweg nehmen, um dann einen gemeinsam gefundenen Konsens vorzulegen?<BR>Nüsslein-Volhard: Beide Positionen sind zu extrem. Der Ethikrat muss informieren, auch über biologische Randbedingungen, und die kontroversen Positionen klarstellen. Was dann die Politik entscheidet, ist deren Sache. Bestimmte Fragen könnte man aber vorklären. Es ist ärgerlich, wenn Behauptungen, die längst widerlegt sind, immer wieder diskutiert werden. Zum Beispiel ist es mittlerweile klar, dass es keine Designerbabys geben wird und dass das Klonen allgemein abgelehnt wird. Auch wird viel Zeit darauf verwendet, wann genau der Mensch zum Menschen wird _ ob bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle oder erst durch den Ausstoß des zweiten Polkörpers. Diese Fragen halte ich für relativ marginal, da es reine Fragen der Definition und nicht des Inhalts sind. Die entscheidende Frage ist: bereits bei der Befruchtung oder mit der Nidation oder gar erst durch die Geburt?</P><P>Ist es sinnvoll, dass sich in den letzten Jahren zunehmend auch Naturwissenschaftler zu kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Fragen äußern? <BR>Nüsslein-Volhard: Das ist sehr sinnvoll. Leider gibt es nicht viele Naturwissenschaftler, die das tun. Die Probleme sind sehr komplex und schwierig. Wenn man sich da nicht gut auskennt, ist man schnell auf glattem Eis. Zumal die meisten von uns Biologen ja gar nicht am Menschen forschen.</P><P>Viele Kollegen äußern sich gar nicht . . .<BR>Nüsslein-Volhard: Ja, denn die Medienatmosphäre ist rau, und nicht jeder steckt es so einfach weg, wenn er in der Zeitung zum Idioten gestempelt oder als Schurke dargestellt wird. Aber auch die Respektlosigkeit, mit der die Amerikaner und die Briten mit ihren liberaleren Regeln manchmal von Deutschen abgekanzelt werden, als besäßen wir die moralische Überlegenheit, halte ich für unzivilisiert und arrogant.</P><P>Wie entgegnen Sie dem Argument, in Deutschland müsse man nach einer einschlägigen Vergangenheit - Holocaust, Euthanasie, Menschenversuche im KZ - mit diesen bioethischen Themen anders umgehen, als im Rest der Welt? <BR>Nüsslein-Volhard: Ich habe das eine Zeit lang selbst vertreten, habe gesagt: Es steht uns gut an, da zurückhaltend zu sein. Aber ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass dies eigentlich eine inhumane Einstellung ist, wenn man weiß, dass diese modernen Verfahren wie Forschung an embryonalen Stammzellen und Präimplantationsdiagnostik viel Leid lindern können. Ich finde künstliche Befruchtung unschön, würde sie Frauen nur in Notfällen raten, und sicher ist das "unnatürlich". Aber die Frauen wählen diesen Weg ja nicht zum Vergnügen, sondern aus Not. Das ist Medizin, die versucht zu helfen, wo geholfen werden kann. Und wenn eine Frau nicht fertig wird mit der Vorstellung, dass sie ein behindertes Kind bekommt, soll man sie zwingen abzutreiben, statt Präimplantationsdiagnostik machen zu lassen? Es gibt ganz unterschiedliche Einstellungen. Es scheint mir inhuman, Dinge strikt zu verbieten, die menschendienlich sein können. Wir müssen den Mut haben zu differenzieren. Die Natürlichkeit als Norm, auf die sich manche gern berufen, ist erstens gar nicht so klar, oft wissen wir nicht so genau, was eigentlich "natürlich" ist, und zweitens lassen wir, etwa in der Medizin, vieles krass Unnatürliche natürlich zu, zum Beispiel den Kaiserschnitt.</P><P>In der Diskussion wird heute viel vom "Leben" als solchem gesprochen, als ob es keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier gäbe; etwas weniger von "Mensch"; die Begriffe "Person" und "Individuum" verschwinden. Wie sinnvoll sind all diese Begriffe aus Ihrer Sicht? <BR>Nüsslein-Volhard: Das hängt vom Zusammenhang ab. Der Mensch ist ein Kulturwesen. Manche Biologen behaupten gern, die Evolution schreite so schnell voran. Das stimmt nicht. Was schnell voranschreitet, ist die kulturelle Evolution. Wir sind das einzige Wesen der Biologie, das eine Kultur hat, wo Angelerntes tradiert wird. Beim Tier gibt es das nicht. Erworbene Eigenschaften werden nicht an die nächste Generation weitergegeben. Die Kulturfähigkeit unterscheidet den Menschen vom Tier. </P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland</P>

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