"Uns kann man nicht vergessen"

München - Ein bisschen fühlen sich der Regisseur Neco Çelik und sein Dramaturg Tuncay Kulaoglu wie Gastarbeiter in München. Nicht weil sie türkischstämmig, sondern weil sie Berliner, Kreuzberger sind. Und weil sie, vom Film kommend, erst zwei Theaterprojekte gemacht haben:

Nach "Schwarze Jungfrauen" von Zaimoglu/ Senkel und "Romeo und Julia" mit Migrationshintergrund, beides am Berliner HAU, arbeiten sie nun an den großen Münchner Kammerspielen.

Im Rahmen von Spielart inszeniert der 35-jährige Çelik das Einwandererdrama "Ausgegrenzt" des Franzosen Xavier Durringer. Premiere ist an diesem Samstag, 21 Uhr.

Eigentlich wollte er eine eigene Fassung erstellen, um die französisch-arabischen Verhältnisse der "Beurs" ins Deutsche zu übersetzen. "Das funktionierte nicht, weil wir in Deutschland keine solche Kolonialgeschichte haben", sagt er. "Es stellte sich dann aber heraus, dass die drei Schauspieler Tabea Bettin, André Jung und Ismail Deniz alle auf ihre Weise Migranten sind. Dass sie aus anderen Ländern oder von anderen Orten kommen, aus Luxemburg oder aus Schwerin, dass sie Ausgrenzung, Diskriminierung, Einsamkeit kennen."

Eigentlich verwendet Çelik, der Filmemacher und Sozialarbeiter, ungern Videomaterial auf der Bühne, hier habe es sich angeboten: "Wir dokumentieren auch die Geschichte der Schauspieler."

Im Stück - "schön, poetisch, lyrisch, teilweise hart", so der Regisseur - beschreiben Vater, Sohn und Tochter eher monologisch ihr Leben als Einwanderer. Nur die Mutter bleibt stumm. Warum? "Vielleicht weil der Konflikt zwischen dem Vater und den Kindern größer ist", vermutet Çelik. Er hat das Stück als Klagelied und Betroffenheitstext gelesen. "Wir werden damit aber nicht die armen Einwanderer bedauern. Der Text schießt in alle Richtungen."

Zum ersten Mal, erzählt Çelik, fühle er sich wie ein deutschstämmiger Regisseur, der über türkische Migranten arbeitet, nämlich ebenso fremd gegenüber den Problemen der "Beurs". "Der Unterschied ist: Wir Türkischstämmige leben nicht in Gettos wie den Banlieus. Uns kann man nicht vergessen, denn wir sind mittendrin. Dafür gibt es bei uns die Sprachprobleme, die die Einwanderer aus den ehemaligen französischen Kolonien nicht haben."

Will Çelik künftig mehr Theater als Filme inszenieren? "Nur, wenn es ein Herzensthema wäre." Und das ist nicht unbedingt die Migration, im Gegenteil: "Mein Thema sind die Jugendlichen auf der Straße, was sie fühlen." Aber man werde als Türke und Künstler - in dieser Reihenfolge - zum Experten für Integration, ob man wolle oder nicht.

Andererseits habe er eben den anderen Blick: "Wir setzen den Schauspielern nicht im Theater das Kopftuch auf, sondern lassen sie mal ausprobieren, was sie damit empfinden. Oder wir drehen den Spieß um und fragen: ,Fühlst du dich Deutsch? Was bist du? Bekenne dich."

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