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Nikolaus Harnoncourt dirigierte im Salzburger Dom.

Salzburger Festspiele

Die unsagbaren Dinge

Salzburg - Bei der neuen Reihe „Ouverture Spirituelle“ widmeten sich Nikolaus Harnoncourt und Claudio Abbado Mozart- und Schubertwerken.

Immer leerer die Gottesdienste, dafür die Konzerte mit Kirchenmusik voll – eine bedenkliche Sache, pflegt Nikolaus Harnoncourt zu grummeln. Geistliche Klänge als schnelle Erbauung ohne religiöse Reflexion und Verpflichtung? Die „Ouverture Spirituelle“ bei den Salzburger Festspielen profitiert davon. Die Karten bei dieser neuen Reihe mit einem Best-of einschlägiger Dirigenten verkaufen sich locker. Noch mehr Grantlgründe für Harnoncourt also, der gleichwohl ein Konzert mit zwei Mozart-Werken leitete.

Ein zentraler Termin in Salzburgs religiösem Zentrum, im Dom. Harnoncourt ließ dazu sechs riesige Tapisserien aus dem Domschatz aufhängen. Einst waren sie als Festtagsgewand und Akustik-Dämpfer gedacht. Doch die Wirkung beschränkt sich aufs Visuelle. Schon in Reihe zwölf weht von der Missa longa KV 262 und von der Litanei KV 243 nur Verhalltes vorüber.

Mutmaßlich ereignet sich vor dem Hochaltar eine Muster-Deutung. Harnoncourt am Pult des Concentus Musicus und des Arnold-Schönberg-Chores ist angriffslustiger, energischer als in der „Zauberflöten“-Premiere. Die liturgischen Worte werden plastisch und in barocker Klangdrastik ausgemalt. Eine Textattacke, die Worte wie „apostolicam“ fast ketzerisch überzeichnet. Sehr präsent auch der Chor. Die Solisten Sylvie Schwartz, Elisabeth von Magnus, Jeremy Ovenden (mit einer ausgreifenden Koloraturarie) und Florian Boesch können sich schlecht durchsetzen. Kameras und Mikrofone halten das Verhallte fest – eine TV- und DVD-Produktion mit Publikums-Deko.

Da reibt sich was

Bei Mozart treffen sich die beiden Altmeister dieses Salzburger Wochenendes. Und zu hören ist, dass Claudio Abbados Mozart ohne den seines Kollegen nicht denkbar wäre. Die Rhetorik des Klanges, das Bemühen um Durchlüftung und Tiefenstaffelung, das tönt auch aus der „Waisenhausmesse“, die im Haus für Mozart mit seiner viel besseren, fast zu trockenen Studioakustik aufgeführt wurde. Und trotzdem klaffte da etwas auseinander, weil zwei Temperamente aufeinander trafen. Das des hier weich phrasierenden Arnold-Schönberg-Chores und jenes des Orchestra Mozart Bologna. Ein Ensemble, 2004 von Abbado gegründet, mit einem geschlossenen, aber eben offensiven Klang. Da reibt sich was – und wird daher erst recht reizvoll. Abbado lässt die „Waisenhausmesse“ mit Roberta Invernizzi, Sara Mingardo, Javier Camarena und Alex Esposito nobel musizieren. Das Ausgelassene etwa im Kyrie hört man weniger heraus. Und wer nicht weiß, dass der zwölfjährige Wolferl am Werk war, denkt glatt an ein Spätwerk. Ein gutes Stück wird Mozart Richtung Schubert gerückt, in Richtung jener großen Es-Dur-Messe, die nach der Pause folgt.

Nur eine Handvoll Dirigenten gibt es, die den Schlüssel zu Schubert haben. Abbado gehört zu ihnen. Sperrangelweit steht die Tür offen zu seinem letzten geistlichen Werk und damit zu den letzten, unsagbaren Dingen. Da stören auch kleine Wackler nicht. Ganz behutsam wird von Abbado alles angefasst, seine bestechende Detailarbeit tönt nach Selbstverständlichkeit, nie nach Seminar. Berückendes ist zu hören. Am Ende lässt er das „Dona nobis pacem“ ermattet ausfließen – Schuberts Friedensanrufung ist vergeblich. Sehr langer Beifall, alle wollten Abbado allein auf der Bühne sehen. Der verschanzte sich jedoch hinter den Solisten Rachel Harnisch, Sara Mingardo, dem klangschönen Tenor Javier Camarena, Kollegen Paolo Fanale und Alex Esposito. Bescheidenheit und Demut, auch da trifft sich Abbado mit Harnoncourt.

Von Markus Thiel

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