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Verloren im Haus der Traumata: Christian Gerhaher als Pelléas und Christiane Karg als Mélisande in Claus Guths Inszenierung für die Frankfurter Oper.

Premierenkritik

Unsagbares in der Großbürgerhölle

Frankfurt - Den Wozzeck müsste er singen. Diesen verkniffenen, getriebenen, angstbesessenen Soldaten. Das denkt man sich so, nicht zuletzt auch das Gros der Opernintendanten. Weil’s, nun ja, irgendwie passt zu ihm.

Und was tut Christian Gerhaher? Wenn sich der wichtigste Liedsänger unserer Zeit zu einer seiner seltenen Bühnenrollen entschließt, dann erfüllt der Münchner solche Erwartungen gerade nicht. Spielt den Papageno aus offenkundiger Rollenabneigung heraus (und umso lustiger), gibt den „Fledermaus“-Eisenstein mit bissiger Naturkomik. Und wagt sich nun, am Opernhaus Frankfurt, auf fremdes Sprachterrain und an Randbereiche seines Fachs: an die männliche Hauptrolle in „Pelléas und Mélisande“.

Wobei fremd? Je länger dieser fesselnde Abend dauert, desto klarer hört man’s heraus: Debussys Musik findet in Gerhahers Gesang ihre Erfüllung. Eine knapp formulierte Klangrede ist das ja, hochökonomisch, schmucklos, sich eng an Rhythmus und Gestus des Textes schmiegend. Singen, das wäre hier schon zu viel, das würde diese delikate Kunstsprache überfrachten. Wo rezitativisches Gestalten ins Ariose übergeht, wo druckfreies Deklamieren in die dichte, lange Vokallinie mündet, das lässt sich also bei Gerhaher nicht genau ausmachen. Frappierend natürlich ist das – und zugleich hochreflektiert. Und irgendwie muss der gebürtige Straubinger französische Vorfahren haben. Jede Silbe lässt sich mitschreiben, Gerhaher gestaltet mit Clarté und idiomatisch genau. Die hohen Passagen der Partie werden nicht mit Tricks und Kraft, sondern mit musterhafter Kopfstimmenresonanz erobert. Aber dieser Pelléas ist schließlich, durch Claus Guths Regie-Brille gesehen, ohnehin kein viriles Gegenbild zu Mélisandes eigentlichem Mann Golaud.

Wieder, wie schon oft, verlegt Guth eine Oper in die Großbürgerhölle. Aber so dicht, so fein und präzise gearbeitet, ist ihm lange keine Inszenierung mehr gelungen. Das Befürchtete tritt nicht ein. Das symbolistische, durchs Irreale geisternde Opus, wird nicht konkretisiert, auf Reales verkleinert – im Gegenteil. Ein Stück über Unaussprechliches ist Debussys einzige Oper. Ständig fragen die Figuren einander, doch alle Antworten umschiffen die Wahrheit – nicht listig, eher verzweifelt. Und auch in der Villa des alten Arkel (Ausstattung: Christian Schmidt), aufgeschnitten wie ein Puppenhaus, wird mehr verschwiegen, als sich alle eingestehen möchten.

Ein Haus der Traumata, dessen Bewohner mühevoll aristokratische Haltung wahren. Yniold, Golauds Sohn, bekreuzigt sich vor dem Porträt der verstorbenen Mutter. In Arkel erwacht die Libido, als er sein Haupt lüstern in Mélisandes Schoß presst. Und als Pelléas seine Geliebte an einen Stuhl fesselt, gewinnt dieser Verdruckste im schlecht sitzenden Anzug plötzlich beunruhigendes Selbstbewusstsein. Gerät Arkels Villa per Drehbühne aus dem Blick, ist da: nichts. Ein Schwarz, in dem sich Pelléas und Mélisande erstmals begegnen. Freiheit ist dort – und Bedrohung. Denn da sind auch kaum sichtbare Menschen, Todesboten, die am Ende durch die Villa schleichen. Und dort, im licht- und haltlosen Nichts, wird sich auch das gestorbene Paar begegnen, ein letztes, vergebliches Mal.

Ein weiterer Frankfurter Besetzungscoup ist Christiane Karg. Alles kann sie hör- und sichtbar machen. Die jungmädchenhafte Innigkeit, das Zartbittere, Zerbrechliche der Mélisande, die (vergebliche) Entschlusskraft, schließlich das fahle Verwehen dieser gescheiterten Frau. Und nichts wirkt dabei aufgesetzt oder „gemacht“. Dass Paul Gay als Golaud dagegen etwas abfällt, trotz imponierendem Bariton nur über ein begrenztes Farbspektrum verfügt (und gegen eine kleine Indisposition kämpft), passt sogar zum Kräftedreieck des Stücks.

Auch Friedemann Layer und das Frankfurter Museumsorchester halten nichts von falscher Tradition. Kein impressionistisches „Parfüm“ wird da zerstäubt, ihr Debussy klingt klar, diesseitig, selbstverständlich und doch von Detailliebe beseelt. Wie es eben so ist, wenn kluge Künstler Klischees hinterfragen. Auch Christian Gerhaher denkt da schon voraus, an seinen Frankfurter Don Giovanni im Herbst 2013 mit Christof Loy im Regiestuhl. Ein Grübler als Lebemann: Warum eigentlich nicht?

MARKUS THIEL

Nächste Aufführungen

am 8., 10., 18., 23., 25.11.; Telefon 069/ 21 24 94 94.

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