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Hölderlins Philosoph Empedokles: Dietrich Henschel (rechts) mit Markus Gertken (vorne links).

Kritik

Unsagbares in Musik gesetzt

„Den Namen von der Produktion zurückgezogen“? Das, so denkt man, müsste doch anders aussehen. Doch wer sich der Deutschen Staatsoper nähert, stutzt. Von Weitem leuchtet „Peter Mussbach“ auf der Außenwand, in trauter Zweisamkeit neben dem Komponistennamen Peter Ruzicka.

Im Programmbuch mussbacht es munter weiter, und nur ein schamhafter Passus verweist auf den Zoff.

Denn diese Produktion ist ja in doppelter Hinsicht typisch fürs Berliner Edelinstitut. Einmal natürlich, weil sich hier eins der großen internationalen Häuser an eine spektakuläre Uraufführung wagt: an „Hölderlin“, die zweite Oper eines der wichtigsten Kulturmanager unserer Zeit, der mittlerweile aber am liebsten Notenblätter füllt. Und zweitens: Weil dies alles weniger das Wohl, sondern das Wehe der Lindenoper widerspiegelt, die als kommissarisch verwalteter, maroder Musentempel ihrer Zukunft und dem Umbau entgegendümpelt.

Mussbach, der geschasste Intendant und Librettist des Stücks, durfte bekanntlich nicht mehr ans Regiepult. Er sann auf Rache, drohte mit Justitia, überwarf sich mit Ruzicka, sah – welch pathologischer Fall – seinen Text durch Hölderlin-Einfügungen des neuen Regisseurs befleckt. Was einen dann doch zum Gedankenexperiment drängt: Ohne solch Gezicke, auch ohne den Glanz Daniel Barenboims, den dort selten gesehenen Chefdirigenten – wer würde eigentlich von der Staatsoper noch Notiz nehmen? Das teuerste Berliner Haus, es gründelt derzeit auf Augenhöhe mit der Provinz.

Dass „Hölderlin“ also tatsächlich über die Bühne ging, ist weniger Wunder, sondern Kraftakt. Ruzicka, da steht er in der Tradition der von ihm geleiteten Münchener Musiktheater-Biennale, schildert nicht das Schicksal des irren Dichters im Tübinger Turm. Es ist ein Ideendrama, heruntergebrochen auf unsere Zeit. Hölderlin, sein Streben nach dem verlorengegangenen Ganzheitlichen, nach der Wiedervereinigung von Geist und Gefühl, von Kunst und Leben, von Mensch und Gott: Solch Unsagbares sollte doch ein wunderbares Thema für die Musik sein.

Und 120 pausenlose Minuten lang scheint sich Ruzickas Partitur nach diesem Unwiderbringlichen zu sehnen. Mahler’sche Adagio-Gesten leisten Trauerarbeit, Klangflächen kreisen um einzige Töne: homophone Momente, die wie Pflöcke im manchmal kakophonischen Umfeld wirken, die Halt geben in der Haltlosigkeit. Und immer wieder erhebt sich die Fragefigur des Wagner’schen „Tristan-Akkords“: jener Moment der Musikgeschichte, der die Tür zum Entgrenzten aufstieß.

Es ist eine Musik, in Varianten wiederkehrend, schleichend und suchend, fein verästelt und sorgsam instrumental abgeschmeckt, auch von hoher theatraler Qualität (und gern plakativ aufgeregt), die fast die Kulinarik, mit Sicherheit aber die Spätromantik von Ruzickas großem Mentor streift: von Hans Werner Henze. Die dunkle, geerdete Klanglichkeit kommt der Staatskapelle Berlin, von Ruzicka selbst geleitet, entgegen. Und am Ende verengt sich alles zu einer starken Gebärde: einem Streicherton, der sich bald fortissimo in die Gehörgänge bohrt, bevor er zusammensackt, zu einer Bitte. Wortlos, dringlich und unbeantwortet. In solchen Passagen dominiert Ruzicka mühelos. Da transportiert seine Musik mehr Hölderlin, als es der Text zu leisten vermag. Mussbach bietet uns zwölf Menschen, die in eine Katastrophe geworfen werden, die über ihr Leben reflektieren, mit zwölf Gottheiten konfrontiert werden und am Ende in einer Art Utopia stranden. Schlaglichtartige Szenen sind dies, rätselhaft, auch grotesk. Und bei Letzterem gibt’s das bekannte Problem: Humor, ob Text oder Musik, funktioniert in der modernen Oper eben kaum.

Torsten Fischer, der die Regie von Mussbach übernahm und einige Buhs kassierte, ist kaum ein Vorwurf zu machen. Ein Wasserbecken beherrscht – wieder einmal – die Bühne (Herbert Schäfer). Ein mystischer Ort zwischen Hochhaus-Siedlungen, in denen schwarze Hölderlin-Zeitgenossen wandeln. Mal senkt sich ein Spiegel, mal fahren durchsichtige Vorhänge hernieder: eine schöne, offene, zuweilen dürftig choreographierte Versuchsanordnung. Gesungen wird phänomenal, gesprochen achtbar. Einer ragt heraus: der von Hölderlin thematisierte Philosoph Empedokles, den Dietrich Henschel hochintensiv verkörpert, dabei deklamatorisch genau und fast rücksichtslos singend.

Und doch krankt alles an einem Grundkonflikt: Hölderlin, dessen Texte zum Unsagbaren drängen, der traditionelle Sprachlichkeit verzweifelt überwinden wollte – wie sollte dies mit konkreten Situationen zwischen „Du spinnst“ und „Ich brauche meine Freiheit“ funktionieren? Dem Ganzen droht also die Verplattung. Man hält sich an Ruzicka und zieht daher zwei Schlüsse: Einfach Hölderlin l e s e n. Oder Ruzicka nimmt das Thema, vielleicht sogar symphonisch, wieder auf – ohne Mussbach.

Weitere Aufführungen

21., 25., 29. 11., 2. 12.

(Tel. 030/ 20 35 45 55).

Markus Thiel

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