Unschuldige, junge Liebe

München - Einfach schön erzählt hat Tanzchef Hans Henning Paar die "Romeo und Julia"-Geschichte. Und ganz ohne postmoderne Gags, die uns mittlerweile aus den Ohren rauskommen. Im Grunde hält er sich, ähnlich wie der große John Cranko, eng an das Shakespeare-Drama und an die Prokofjew-Partitur.

Gärtnerplatztheater: Hans Henning Paars erfolgreiche

Choreographie des Shakespeare-Klassikers "Romeo und Julia"

Und so hat man in München jetzt die Chance zu reizvollem Vergleich zwischen Crankos neoklassischem Ballett (von 1962), seit 1968 im Bayerischen Staatsballett-Repertoire, und Paars überarbeiteter Braunschweiger Version von 2005, die sein Ensemble soeben mit darstellerischer Wucht im Gärtnerplatztheater zur Premiere brachte.

Prokofjew barfuß? Dieses 1938 in Brünn uraufgeführte, dann in der St. Petersburger Lawrowsky-Choreographie von 1940 ­ mit der ätherischen Ulanowa! ­ weltberühmt gewordene dramatische Ballett? Ja, es funktioniert blendend. Henning Paars Handschrift in der Prokofjew-Partitur ­ wie der Fluss in seinem Bett. Paar hat nie seine Herkunft vom schwedischen Modern-Dance-Meister Mats Ek verleugnet. Aber: Eks locker aus dem Körper geholter, dabei immer noch skurril kantiger Stil hat sich bei dem eine Generation jüngeren Paar zwangsweise etwas geglättet. Ist sichtbar ­ auch weil von seinen Tänzern so vollkommen selbstverständlich im Duktus beherrscht ­ runder, luftiger, atemloser geworden. Das Stück rennt, fließt und tanzt unentwegt, immer im Banne der Musik, die ja auch schon in Klang und Rhythmus diese tragische Liebesgeschichte erzählt.

Es herrscht Krieg zwischen den Capulets und den Montagues, die durch beidseitig sich öffnende Tore wiederholt in diesen schlicht-schönen Schlosshof stürmen: das Blut von alten Kämpfen noch an den Füßen und jetzt schon wieder zum Angriff geduckte Marionetten ­ Karikaturen einer sich sinnlos fortschreibenden Fehde. Das ist gut von Paar gedeutet. Und auch sonst hat er sich etwas zu der Vorlage überlegt. Hier flitzen keine Degen, stechen keine Messer. Nur schiere Körperkraft, Arme, würgende Hände sind die Kampfwaffen, wenn Tybalt den übermütigen Provokateur Mercutio tötet, und anschließend Romeo seinen Freund Mercutio rächt. Bei Henning Paar ist alles viel weniger aristokratisch als in den Ballettklassikern. Ein Laken, auf dem Boden ausgebreitet, genügt dem frisch vermählten Paar als Hochzeitsbett.

Maida Kasarian und Mauro de Candia, eine Traumbesetzung, tanzen diese junge Liebe: unschuldig, verspielt, völlig überrascht von ihrem Gefühl, behutsam und zärtlich. Die beiden machen die berühmte Balkon-Szene zu einer der schönsten, natürlichsten der Tanz-Literatur. Und selbst noch auf ihrem Totenbett keine theatrale Kunsthaftigkeit. In diesen Liebesszenen, stärker noch als in den athletischen Faustkämpfen, zeigt sich die wunderbare, ganz ohne Worte auskommende Ausdrucksmächtigkeit des modernen Tanzes. Die auf den Partner zuwehende Armbewegung ist sehnsüchtiger Berührungswunsch; das immer nur flüchtige Halten und Heben des Modern-Dance-Pas-de-deux ist zärtliche Umarmung und Vereinigung.

Ausgestellte Technik-Virtuosität kommt bei Paar nicht vor. Wir sind also bei ihm nah an einem filmischen Realismus. Und an Baz Luhrmanns "Romeo und Julia"-Film, mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle, haben sich offensichtlich Paar und seine Ausstatterin inspiriert. Gekonnt inspiriert. Wie in diesem Film ist Lady Capulet eine über die Bühne zwirbelnde überdrehte Modezicke, gegen die Tochter Julia von Anfang an aufmuckt. Wie im Film kommt Julia geflügelt, Engel oder Sylphide, zum Maskenball, den Henning Paar mit hyperschräg verkleideter Feier-Gesellschaft hinreißend parodistisch inszeniert.

Henning Paars "Romeo und Julia", ein Tanztheater über die Liebe, den Tod und das lächerlich komische Leben dazwischen. Und Andreas Kowalewitz gelingt es, bei allen Schwierigkeiten der Prokofjew'schen Partitur, die nur 45 Musiker des Staatsorchesters durchgehend zu vollem Leidenschaftseinsatz anzufeuern.

Weitere Aufführungen:

17., 22. Juni, 19.30 Uhr; 5. Juli., 19 Uhr; Karten unter 089/ 21 85 19 60. 

Die Besetzung

Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz. Choreographie und Inszenierung: Hans Henning Paar. Ausstattung: Anna Siegrot. Licht: Wieland Müller-Haslinger. Darsteller: Mauro de Candia (Romeo), Maida Kasarian (Julia), David N. Russo (Mercutio), Erik Constantin (Benvolio), Pedro Dias (Tybalt), Gianluca Martorella (Pater Lorenzo), John Sandurski (Paris), Carolina Constantinou (Lady Capulet), Krzystof Zawadzki (Capulet), Antonia Vitti (Amme).

Die Handlung

Die heimliche Eheschließung von Romeo und Julia, Kinder der verfeindeten Veroneser Familien Montague und Capulet, könnte endlich Frieden stiften. Aber Romeo, der im Streit Julias Vetter Tybalt getötet hat, wird verbannt. Julia, zur Heirat mit Paris gezwungen, nimmt zwar ein Scheintod-Gift, um mit Romeo zu fliehen. Aber er, zu ihrer Gruft geeilt, glaubt sie tot, und nimmt seinerseits echtes Gift. Beim schrecklichen Erwachen sieht Julia ihn tot und bringt sich auch um.

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