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Der Mann und das Meer: „Song of the Sea“ hat Donovan (hier ein Archivfoto) seine aktuelle Tour genannt.

Interview mit Folkbarde Donovan

„Unsere Musik wirkt bis heute“

München - Donovan ans Telefon zu bekommen, ist keine leichte Aufgabe. Der Folkbarde, der in den Sechzigern als eine Art britischer Bob Dylan galt, ist immer noch ständig unterwegs. Wir erwischen ihn schließlich in seinem Studio auf Mallorca und sprechen mit ihm über die Musik von damals - und sein Konzert in Erding.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt und touren immer noch um die Welt, gerade nehmen Sie ein neues Album auf – was treibt Sie an? Geld kann es nicht sein.

Donovan: Was ich tue, ist eine Berufung, keine Karriere. Für mich ist das kein Job. Ich habe einen schottisch-irischen Hintergrund, und da gibt es die alte Tradition, dass Dichter und Musiker ihr Talent als Berufung betrachten. Mir war das schon als Kind klar, als ich meine ersten Gedichte rezitiert habe – das war das, was ich wollte. Also mache ich immer weiter.

Wenn man Sie bei Ihren Auftritten erlebt, wirken Sie völlig entspannt. Nicht wie ein Star, sondern wie ein Typ, der einfach ein paar Lieder spielt und Geschichten erzählt.

Donovan: So eine Atmosphäre herzustellen, gehört zu meinen Aufgaben als Sänger. Außerdem kennt das Publikum meine Lieder sehr gut, sie sind Teil ihres Lebens, also gibt es keinen Grund, nervös zu sein.

Warum sind die Menschen immer noch so begeistert von der Musik der Sechzigerjahre?

Donovan: Es war eine Art Renaissance der populären Musik. So etwas findet eben nicht alle fünf Jahre statt. Es war eine regelrechte kreative Explosion – nicht nur in der Popmusik. Das betraf auch Jazz, Reggae, Kunst, Literatur sowie Politik. Und es passierte alles gleichzeitig. Es bedeutete für uns: Man kann jede Musik spielen, auf die man Lust hat, und über jedes Thema singen, das einen interessiert. Deswegen wirken die Lieder heute noch so stark, und es freut mich, dass es so ist.

Die Werte, die mit dieser Zeit verbunden sind, etwa Toleranz oder Pazifismus, scheinen aber heute nicht mehr so gefragt zu sein.

Donovan: Ich sehe das nicht so pessimistisch. Es ist sehr viel passiert seit damals. Außerdem ist es ja erst 50 Jahre her – das ist in Wahrheit nicht so viel Zeit. Es war eine Art Urknall, und die Wellen breiten sich seitdem aus. Es gibt heute ein ökologisches Bewusstsein, jedem ist die Bedeutung von Kommunikation klar. Auch dass Frieden existenziell ist, ist aktuell sehr vielen Menschen sehr bewusst. Ich werde all diese Dinge weiter in meiner Musik ansprechen. Einfach weil es meine Berufung ist, wir sprachen ja gerade darüber. In den Sechzigern haben wir eine Tür aufgestoßen, daran hat sich nichts geändert. Ich sehe mich als eine Art Lehrer an einer spirituellen Universität. Der Weltfrieden startet bei jedem Einzelnen von uns, so ist das.

Sie spielen am Mittwoch in der Stadthalle Erding – wie kam es zu diesem Konzert?

Donovan: Ich bekomme viel Post von deutschen Fans, die mich fragen, wann ich endlich einmal in ihre Gegend komme. Daher habe ich jetzt acht Extratermine in Deutschland rangehängt. Und so lange ich für die Menschen spielen kann, ist es mir egal, wo ich gerade bin. Ob ich auf einem Festival vor 140 000 Leuten auftrete oder in einem kleinen Saal, das spielt keine Rolle.

Manche Lieder singen Sie seit mehr als 50 Jahren. Gerne?

Donovan: Ja, denn ich höre mir ja auch selber zu. Und die Songs bedeuten mir etwas. Wissen Sie, ein Lied existiert für mich nur in dem Augenblick, wenn ich es singe. Es geht bei den Konzerten eigentlich nicht um Nostalgie. Erinnerung muss nicht bedeuten, dass es einen in eine bestimmte Zeit zurückbringt. Erinnerung kann auch bedeuten, dass man etwas nie abgeschlossen hat. Wenn ein Lied von mir also bei einem Zuhörer Erinnerungen heraufbeschwört, kann das auch etwas mit dessen Gegenwart zu tun haben. Wenn dich ein Song besonders beschäftigt und aufwühlt, kann das ein Hinweis sein, dass da noch Unerledigtes in dir ist. Es gibt ja einen Grund, warum die Menschen seit Jahrtausenden Sänger, Poeten und andere Künstler brauchen. Als eine Art Orientierungshelfer bei der Reise durchs Leben.

Wie bei vielen anderen Stars Ihrer Generation hatte Ihre Karriere in den Achtzigern einen ziemlichen Hänger…

Donovan: Ja, wir waren plötzlich Dinosaurier. Heute, finde ich, wirkt die Musik der Achtziger ziemlich überholt. Das liegt nicht an den Musikern, es liegt an der Visualisierung. Durch die Videoclips hat man zu jedem Lied bestimmte Bilder im Kopf, und die sind eben veraltet. Ich kann mich erinnern, dass sich in einem Café einmal zwei junge Frauen neben mir über ihre Idole unterhalten haben. Und eine meinte: „Vielleicht erinnern wir uns bei Bon Jovi irgendwann einmal nur noch an seine Frisur.“ Die Lieder aus den Sixties haben selbstständig funktioniert und sind nicht mit ganz bestimmten Bildern überfrachtet. Für mich waren ohnehin Live-Auftritte immer am wichtigsten. Wissen Sie, die Leute nehmen sich Zeit, reisen zum Teil von weither an, kommen mit ihren Freunden und warten gespannt auf den Moment, wenn das Licht ausgeht. Und man geht als Künstler auf die Bühne und weiß: Was immer passiert – du kannst es nicht wiederholen oder ungeschehen machen. Für mich ist das stets magisch.

Das Gespräch führte Zoran Gojic.


Informationen zum Konzert in Erding:

Mittwoch, 22. März, um 20 Uhr in der Stadthalle Erding, Alois-Schießl-Platz 1; Telefon 08122/ 99 07 12.

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