Unter der Gürtellinie

- Die Männer bestehen nur aus Unterleib. Kopflos, rumpflos steppen sie, dazu werden politische Freiheitsreden geschwungen, dahinter Modezeichnungen - wieder nur von der Gürtellinie abwärts. Den Takt gibt ein dürftig verkleideter Roboter an, der zu Bizet und Händel das metallene Bein schwingt. Die "Tischtänzer waren für Stephan von Huene 1995 auf der Biennale von Venedig der endgültige Durchbruch. Hier vereinte er alles, was ihn seit den 60er-Jahren beschäftigt hat: Kinetik, mechanische Musik, Körpersprache, Kommunikation, Geschlechterrollen und immer wieder auch Sex.

<P></P><P>Mit einem Höllenlärm, befremdlichen Skulpturen, deftigen Zeichnungen und interaktiven Erfindungen kann man den Entwicklungsprozess im Münchner Haus der Kunst nachvollziehen. Die Retrospektive "Tune the World" ist ein angemessenes Andenken an Huene zwei Jahre nach seinem Tod und wird in die kooperierenden Häuser nach Duisburg (Wilhelm Lehmbruck Museum) und Hamburg (Kunsthalle) weiter wandern.</P><P>Viel Inszenierung braucht es nicht für die technisch präzisen und doch so spielerischen Werke. Zwischen triebhaftem Rhythmus, babylonischer Sprachverwirrung, lautem Pfeifen und Klingeln sieht man sich vor allem selbst in dieser aggressiven Erlebniswelt aufgehen.</P><P>Am Anfang war der Fetisch: Zu Beginn der 60er-Jahre fertigte Huene Assemblagen mit übermächtigen Frauen an, dann wurden Lederskulpturen daraus. Die "Lunchbox eines Zahnarztes" besteht aus einem riesigen Mund, zwischen den Zähnen hängt quer die Zunge. Die prall gefüllten, fein genähten und genagelten Surrealismus-Erinnerungen haben Seltenheitswert. Vielfach dagegen existieren Blätter des manischen Zeichners, die in Anlehnung an antike Bacchanterien, Sirenen und Mischwesen skurrile Gelage zeigen. Aus Geschlechtern entspringen hier Musikinstrumente, Mann und Frau werden zwischen Höllenwesen und Engeln in der ewigen Polarität von Anziehung und Abstoßung gezeigt.</P><P>1969 bis '70 entstehen Klangskulpturen wie der "Kaleidophonische Hund", der zu Schlegeln und Zimbel wackelt, oder die "Waschbrett Band", die ein ganzes Ensemble darstellt. Technik, Musik, Bewegung in einer sehr anschaulichen Art stehen hier noch im Vordergrund, ab 1970 dominiert die Abstraktion in Form von "Totem-Tönen" aus schlichten Orgelpfeifen-Türmen oder "Text-Tönen" als Alarmstufen, die der Betrachter selbst auslöst - beim Durchschreiten der Räume wird man immer mehr zum Spielball der Skulpturen.</P><P>Der Akademieprofessor Huene, dessen Ursprünge auf den Dadaismus zurückgehen, verfehlt auch heute nicht seine Wirkung: Der Pendler zwischen Amerika und Hamburg, zwischen Sinnesfreuden und Mechanisierung war auf der lautstarken, enthusiastischen und tüftelnden Suche nach der seelenvollen Kommunikation.<BR><BR>Bis 6. Januar, Telefon 089/ 21 12 71 23, Katalog mit CD-Rom: 38 Euro.</P>

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