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Dagmar Leupold

Glücksmissionarin

Leupold-Roman „Unter der Hand“: Eine Kritik

München - „Unter der Hand“: Der neue Roman der Münchner Autorin Dagmar Leupold tänzelt zwischen Liebessuche und Satire.

Ein Rheinkiesel, der an der Isar gestrandet ist, genauer in München-Neuhausen. Wie ihre Schöpferin (Jahrgang 1955) kommt Minna aus „einem kleinen Ort am Rhein“ und wohnt nahe beim Rotkreuzplatz. Sie, die sich nie ganz wohlgefühlt hat im Leben, fühlt sich dort relativ aufgehoben. Und Seite für Seite mehr, denn Minna darf in Dagmar Leupolds neuem Roman „Unter der Hand“ die richtige Liebe und Geborgenheit treffen – und schenken. Zunächst aber begegnet sie uns in der Rahmenfiktion, auf ein Bett hingestreckt, den Stein in der Hand. Der Nachbar, der sie gefunden hat, holt den Arzt und beginnt, ihre Geschichte zu lesen.

Minna soll sie notieren, weil ihr Gönner das so will: „Wer traurig ist, soll scherzen. Hat mein Mäzen gesagt, ...“, der die „Seelen-Invalidin“ zur „Glücksmissionarin“ machen möchte. Vico, der gewissermaßen ein ins Positive gewendeter Berlusconi ist, verdient seinen Reichtum mit Umwelttechnologie. Leupold, die beim herbstlichen Münchner Literaturfest das forum:autoren gestalten wird, macht schon mit dieser ganz und gar nicht schmierigen Beziehung klar, dass sie ihre Leser gern auf die Klischee-Fährte lockt, um ihnen dann eine Nase zu drehen. Der Italiener wird kein Liebster, ist kein Mafioso, kein Heiliger, aber schon so etwas wie ein toskanischer Schutzengel. Deswegen setzt der Roman auch in einem mediterranen (Urlaubs-)Paradies ein, das Minna offenbar nach einem Zusammenbruch Zuflucht bot.

Auch hier wieder die Klischee-Strategie. Die Schriftstellerin schlängelt sich durch all die Arkadien-Bilder – Schlangen gehören nun mal zum Paradies – hin nicht nur zur Tourismussatire, sondern auch zu den Wunden und Narben von Minna. Die berichtet von ihrem „Liebeshunger“, den sie auf ihre zu frühe Geburt zurückführt. Nicht die Mutterbrust habe sie auf der Frühchenstation gewärmt, die – nun schon bekannten – Kieselsteine, die von den Nonnen erhitzt wurden, mussten das Kuschelgefühl ersetzen. Und bevor der Leser von den Stereotypen einer jammernden vernachlässigten Tochter genervt ist, schlängelt sich Leupold daran vorbei. Ihre Erzähl-Mäander haben in „Unter der Hand“ (auf der Liste zum Deutschen Buchpreis) etwas Absichtsloses, Organisches, zeigen vor allem eine Haltung, die nicht ächzend den Schöpfungsakt ausstellt. Jede Windung berührt auf nie dick aufgetragene Weise Menschen, Situationen, Eindrücke, Beobachtungen. Da ist die Liebschaft Franz. Da ist Lotte, eine alte Dame, die als Mädchen im Krieg aus Ostpreußen floh. Da ist Parwitz, der Nachhilfeschüler aus dem Iran. Und da ist schließlich Heinrich,  die  Liebe.

Alle sind alltäglich, und alle sind ganz besonders. Wieder werden sämtliche Klischees – ach ja, ostpreußische Eigenart, ach ja, jugendlicher Problemschüler – ausgehöhlt und zu spannenden Lebensimpressionen modelliert. Leichthin und doch so plastisch, als würden einem die Personen auf der Donnersbergerbrücke an der Bushaltestelle begegnen. Auf diese Weise umhüllt Dagmar Leupold ihre Figuren erzählerisch mit der Wärme, die sich Minna immer wünscht. Gleichzeitig kann die Autorin mit jedem Schwung eine soziopolitische, soziophilosophische Analyse anbringen.

Da Antiheldin Minna, abgesehen von Vicos Geld-Kuvert, neben Nachhilfe und Korrekturlesen für den Duden auch Wohnungen von gutsituierten Leuten hütet, darf unsere Heldin der „Selbstverwerfung“ allerhand treffende Beobachtungen liefern;  etwa  über hiesige Großbürger: „Die Münchner zeichnen sich durch eine Last-Minute-Nettigkeit aus – das kostet deutlich weniger –, die sie davor bewahrt, ihren teuer angeschafften Dünkel ganz auszuspielen. In diesem letzten Moment werden sie zugänglich, demokratisch und unfein. Und gönnen allen etwas: die üble Nachrede... Und  die Nachsicht gegenüber den Ausnahmen und Nieten.“

111 Orte in München, die man gesehen haben muss

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Minna ist damit bei ihren Existenzthemen: der Liebessuche und der Menschen-Verwertbarkeit, die sie als zentrales Merkmal unserer Gesellschaft identifiziert hat. Dagmar Leupold macht ihre diesbezüglichen Analyse-Aphorismen zu einem pointierten, kunstvoll formulierten bitteren Genuss: „In einer kalten Gesellschaft ist Wärme eine begehrte Ware, Reisebüros kümmern sich darum, die Medien, die Medizin, die Werbung. Für den Warenumsatz ist es entscheidend, dass man die Wärme nicht selbst erzeugt; daher wird das Zutrauen in diese Fähigkeit, die wir alle besitzen oder besitzen könnten, absichtsvoll zersetzt.“

Ein bitterer Genuss sind sogar die diversen Happy Ends der Lebensfäden. Die Schlange bleibt eben im Paradies.

Dagmar Leupold: „Unter der Hand“. Jung und Jung, Salzburg und Wien, 294 Seiten; 22 Euro.

Von Simone Dattenberger

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