Unter der Hürde hindurch

München - Irgendwann steht sie allein auf der erhöhten Plattform. Die nervtötend bunten Chorweiblein und -männlein sind weggewuselt, Faust und Mephistopheles irgendwo verborgen, der herzogliche Bräutigam ist davongegockelt.

Und sie? Steckt den Schleier auf ein Hochhaus-Imitat, schwingt sich herunter auf die Bühne, kommt - etwas unsicher noch, doch immer selbstgewisser - nach vorn an die Rampe. "Die Erde wird mein Reich", singt Catherine Naglestad als Herzogin von Parma, und 2100 Besuchern verschlägt's den Atem. Endlich Oper. Ein großartiger Moment, fünf Minuten, die allein von dieser Ausnahmekünstlerin getragen werden: jedes Wort, jeder Ton erfüllt von Bedeutung, Intensität und Wissen um dramatische Wahrhaftigkeit, dazu eine Stimme, die die echte Tragödin auszeichnet.

Das ist nun eine besondere Pointe dieser Münchner Festspiel-Premiere: dass in "Doktor Faust", dessen Komponist Ferruccio Busoni sich mit viel Prämissenschweiß aufmachte, um einen neuen Musikdramentyp zu drechseln, dass ausgerechnet in diesem unter Strukturkonzepten ächzenden Stück also der traditionellste, der opernhafteste Augenblick absahnt. Unter den "Faust"-Vertonungen ist dieses 1925 uraufgeführte und vom Schöpfer nicht vollendete Opus ja das Mauerblümchen. Gounod lockt mit süffigem Liebesdrama, Berlioz mit respektloser Fratzenhaftigkeit, bei Busoni, der sich fleißig bei Wagner und anderen bediente, kraucht dagegen der Mehltau aus mancher Notenzeile.

Die Münchner Erstaufführung tut nun leider wenig, um das zu ändern. In der Einheitsszenerie einer Riesen-Mansarde, die problemlos für "La Bohème" taugt (Bühne: Hermann Feuchter), öffnet Nicolas Brieger seinen Regie-Koffer aus den 80ern. Vollgemüllt die enge, sich drehende Studierstube. Vieles, wie die vertikal herabhängenden, güldenen Trockenschwimmer als beschworene Geister, bleibt im Dekorativen stecken. Und kaum begründet, geschweige zu Ende geführt der Einfall, Faust einmal nicht als Bücherwurm, sondern als sich selbst bespiegelnden Maler zu zeigen.

Busonis eigentliche Vorlage, das Faust-Puppenspiel, wird von Brieger gern als Zitatanregung genutzt. Das ist nachvollziehbar und führt auch - dank der hervorragenden Puppen(-spieler) - zu manch hübschen bis beklemmenden Momenten: Faust umgeben und gepeinigt von seinen Wiedergängern, zu denen letztlich auch Mephistopheles zählt, den er unter Wehenschmerzen gebiert.

Doch was Brieger an Einfällen von gelben "HELENA"-Buchstaben bis zu tödlichen Orgelpfeifen auch auffährt: Es bleibt der Eindruck, da habe einer viel, viel Anlauf genommen, um dann die "Faust"-Hürde nicht mal zu reißen, sondern locker unter ihr durchzurutschen.

Doppelt bedauerlich ist das alles, weil es mit Blick auf diese Solistenriege an Ressourcenverschwendung grenzt. Stimmbandkiller sind die beiden Hauptrollen. Und Wolfgang Koch als Faust entledigt sich der Aufgabe mit kernigem, gut gefasstem Material, kristallklarem Texttransport und einem musterhaft durchgebildeten Heldenbariton, der in keiner Lage und Situation Schwächen offenbart. Dass es ihm an unverwechselbarem Profil, an urpersönlicher Charakterisierungskraft etwas mangelt, mag ein Problem der zähen Aufführung sein - bis zu seinem 2012er-Alberich am selben Ort dürfte sich das noch ändern.

Wie man in Extremlagen gleißende Kontur mit flexiblem Wohlklang verbinden kann, führte John Daszak vor: ein Mephistopheles, ausstrahlungsmächtig und gewandt, der in anderen Inszenierungen den Abend locker dominieren dürfte. Gelegentlich verrutschte Spitzen waren weniger ihm anzukreiden, sondern der fast kaum zu bewältigenden Notation. Festspielwürdig auch sämtliche Kollegen, vor allem Raymond Very und Steven Humes. Der Staatsopernchor war in der prägnant gesungenen Kneipenszene am besten, ließ sonst jedoch durchhören, dass es in den letzten Premierenwochen mit "Bassariden" und "Idomeneo" einiges zu tun gab.

Nagano für "Faust", Bolton für "Idomeneo", das wär's gewesen

Dirigent Tomá(s) Netopil, auch er wie Wolfgang Koch und Catherine Naglestad ein Haus-Debütant, bekam das wuchernde Stück nicht ganz zu fassen. Ehrenwert sein Versuch, Busonis Harmonie-Konstrukte aus dem Diffusen zu holen, dabei quasi den Schleier wegzuziehen. Aber statt kundiger Detailarbeit oder Klangmodellierung erschöpfte sich vieles in pauschaler Dramatik. Ein kompaktes Dauer-Forte, das den Hörer auf die falsche Fährte führte: So wenig Delikatesse steckt in Busonis Partitur dann doch nicht.

Wie merkwürdig, dass dies alles GeneralmusikdirektorKent Nagano aus seiner Loge verfolgte, er, von dem doch die hervorragende Standard-Aufnahme von "Doktor Faust" stammt und der das Stück auch vor neun Jahren in Salzburg dirigierte. Nagano für "Faust", Ivor Bolton für "Idomeneo", das wär's gewesen. Am Ende versickert die Aufführung auch noch im aufgesagten Text: Einige von Busonis nicht mehr komponierte Versen werden gesprochen, die Jünglingsszene fällt weg - ein etwas zeigefingernder Purismus. Viel Applaus, kein einziges Buh. Hat ja auch nicht wehgetan.

Weitere Vorstellungen:

3. und 7. Juli, Telefon 089/ 2185-1920.

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