Unter Mozarts Fallbeil - Musikalisch fulminant, szenisch nicht immer überzeugend: "Idomeneo" an der Stuttgarter Staatsoper

München - Vor exakten, aber krummen 227 Jahren ging die Uraufführung in München über die Bühne, auch laden Mozarts Lebensdaten kaum zum Gedenkstress ein. Und doch ist 2008 dank der Produktionshäufung ein kleines "Idomeneo"-Jahr: mit dem Höhepunkt am 18. Juni, wenn das renovierte Cuvilliés-Theater mit dieser Oper wiedereröffnet wird.

Zwei Wochen später wagt sich Nikolaus Harnoncourt in Graz an eine Doppelrolle, als Dirigent und erstmals als Regisseur. Und die Münchnerin Waltraud Lehner, an der Stuttgarter Staatsoper szenische Produktionsleiterin, bekam von ihrem Haus gerade mit dem Mozart-Wurf eine Premierenchance spendiert.

Dass im Graben Stuttgarts neuer GMD stand, drückte Lehners passagenweise sehr diskussionswürdige Arbeit etwas zur Seite. Manfred Honeck machte schon mit den ersten, fallbeilhaften Fanfarenschlägen der Ouvertüre klar: Hier ist einer entschlossen, den Sturm des Frühwerks durch jeden Takt fegen zu lassen. Bangte man anfangs, ob die Partitur dem Dauer-Furor Honecks standhalten kann, gab man sich bald und willig geschlagen. Von seinem Chef ließ sich das Stuttgarter Staatsorchester zu einer fulminanten Deutung anstacheln, die den Alte-Musik-Experten auf den Fersen ist. Wild, kantig, mit großer Flexibiliät und geschärftem Gestus, dabei das Zugespitzte, Gefährliche fast übersteigernd: der "Idomeneo" als ein Klangtheater der Bedrohung, das sich nur in den Ilia-Arien Ruhe und Melos gönnt.

Kaum Hoffnungsschimmer auch auf der Bühne. Waltraud Lehner erzählt das Stück im Spannungsfeld zwischen Kriegszynismus und Generationenkonflikt. Und baut dabei auf eine Ästhetik der Düsternis, die diversen Jossi-Wieler- oder Christof-Loy-Vorlagen entlehnt scheint. Eine kühle, auf Cinemascope-Format zusammengestauchte Bühne, in der Mitte ein leeres Becken, dazu ein gläserner "Opferstein", ein Getränke-Automat plus Regen-Vorhänge, auf dem eine brave Rochen-Projektion das Ungeheuer symbolisiert: Hier ließen sich gleich eine ganze Reihe ähnlicher Werke ansiedeln.

Wirkungsvolle Szenen stehen dabei neben diffusen Lösungen. Lehner lässt, das ist ihre Stärke, mit wenigen Zeichen ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht anklingen. Elettra, knallig gewandet und von der großartigen Simone Schneider mit elektrisierender, auch in Piano-Momenten nie nachlassender Intensität gesungen, führt ein Kind an der Hand (aus einer Liaison mit dem Titelhelden?). Und Idomeneo birgt nicht nur verzweifelt sein Haupt im Schoß von Ilia (leicht angestrengt: Sunhae Im), die darauf irritiert reagiert. Auf faszinierende Weise hat hier Matthias Klink die Rolle des Kreterkönigs verinnerlicht: ein Getriebener, der sich Dramatisches als Verzweiflungsausbruch abringt - und der überraschend nur die Koloraturen-arme Version des "Fuor del mar" bietet.

 Idamante schließlich wandelt sich vom pubertierenden Jüngling, der seiner Mittel und Wirkungen noch nicht gewiss ist, zum nur äußerlich souveränen Thronfolger. Bei Tajana Rai ist das dank ihrer starken, nie vordergründigen Ausdrucksvarianz, einer dunkel aufblühenden Stimme und ihres bubenhaften Charmes gut aufgehoben.

Manches bleibt in dieser Produktion Behauptung oder bemühtes Konwitschny-Neuenfels-Zitat (Idomeneos finaler Massenmord mit Maschinengewehr), anderes entfaltet szenische Kraft. So etwa der Marsch des ersten Teils, von Waltraud Lehner als Heimkehr der Soldaten inszeniert. Die allerdings schaffen das nur noch im Sarg. Idomeneo überreicht den entschlossenen, stolzen oder verzagten Hinterbliebenen zusammengefaltete Flaggen, bis er die Perversion nicht mehr aushält und die Aufgabe an den Sohn delegiert. Das ist er: einer jener raren Opernmomente, der sich dem - am Premierenabend leidlich gut gelaunten - Publikum einbrennen dürfte.

Weitere Vorstellungen:

12., 18., 27. und 30. April.

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