Was unter den Nägeln brennt

- "Nicht der Armen Schlechtigkeit hast du mir gezeigt, sondern der Armen Armut." Ein Satz des Heilsarmee-Mädchens Johanna zum großmächtigen Fleischkönig von Chicago, Pierpont Mauler. Bertolt Brechts Lehrstück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", geschrieben 1929/ 30 vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, ist zu neuer Aktualität erwacht. Dem Teatre Lliure aus Barcelona mit seinem Regisseur und künstlerischen Leiter Alex Rigola sei Dank, dass es dieses längst als veraltet geltende Werk auf seine Gegenwartstauglichkeit geprüft und mit einer fulminanten, in jeder Hinsicht vitalen Inszenierung nach Salzburg gekommen ist.

In der Festspielreihe "Young Directors Project" im ehemaligen Stadtkino Republic war diese Aufführung der eindeutige Höhepunkt. Selbst die großen Festival-Beiträge des Schauspiels, "Die Möwe" und "Edward II.", wird von der Arbeit der jungen Katalanen locker in den Schatten gestellt. Warum? Weil die Spanier fern allen hierzulande üblichen Psycho-Getues mehr zu erzählen haben als von der persönlichen Befindlichkeit eines Regisseurs oder Autors. Weil sie wissen, warum Theater sein muss - jenseits eitler Selbstdarstellung. Weil ihnen die gesellschaftlichen Probleme unter den Nägeln brennen.<BR><BR>Sie nehmen Brechts Drama als das, was es ist: szenischer Agitprop. Und laden ihn auf mit den Zutaten unserer Gegenwart: mit Videos von Demonstrationen, Börsenaufgeregtheiten, in sich zusammen stürzenden Hochhäusern oder von Johanna auf dem brennenden Scheiterhaufen. Dazu Rap und Breakdance, Gesang und permanente Bewegung, Schriftbänder, die von aktuellen Globalisierungserfolgen der Großunternehmen künden, ein Biederschock-Ehepaar als Simpson-Comicfiguren, viel Pantomime und gestische Symbole, die dem hiesigen Betrachter allerdings mitunter verschlüsselt bleiben.<BR><BR>Auf dieser Bühne, die voll gestellt ist mit Fahrrädern, Mischpulten, einem Ledersessel für Mauler, einer lebensgroßen, kaschierten Kuh und ihrem spielkleinen Kälbchen, mit Mikrofonen, Ampelanlagen und einer Art Glascontainer - auf dieser Bühne also tummeln sich 14 perfekte Akteure. An ihrer Spitze Aurea Má´rquez als Johanna.<BR>Statt Strohhut und Suppenkessel: Jeans und eine Thermoskanne, aus der sie den Ärmsten ausschenkt. Eine kämpferisch-idealistische junge Frau, die für den Preis ihres Lebens lernt: Wo Gewalt ist, hilft nur Gewalt. Und die am Ende selbst zur Ware wird: zur Heiligen stilisiert von jenen, die sie bekämpft hat. "Gebt ihr die Fahne", sagt Mauler und lässt, bei Brecht, die tote Johanna in die Heilsarmeeflagge hüllen. Die Katalanen haben in ihrer Aufführung Aggressiveres im Sinn: Sie drücken der Heldin ein Papierfähnchen der UNO in die steifen Finger.<BR>Heutig sind hier Brechts alte Figuren alle. Maulers Partner und Sprecher Slift wird von einer Frau gespielt; Alicia Pérez erinnert in ihrer Kühle und Straffheit unschwer an Condoleezza Rice. Und Mauler selbst ist bei dem jungen, ausstrahlungsstarken Pere Arquillué´ ein sehr moderner Zeitgenosse: der von seinem Geschäftsinstinkt und seiner gefühlvoll-poetischen Seele getriebene König der Viehbörse, der den sterbenden Ochsen nicht mehr in die Augen gucken kann und mit Schlachtstopp, Aufkäufen, Dumpingpreisen und Massenentlassungen seine Konkurrenten in den Ruin hetzt. Selbst wie in ihrer eigenen Ordnung gefangene Raubtiere, liefern sich die Fleischfabrikanten, Viehhändler und -makler in dem Container aus Glas einen, für jedermann einsehbaren Überlebenskampf. Faszinierende, schlüssige Bilder, an denen diese Aufführung so überreich ist.<BR><BR>Am Ende gab es, noch bevor der Beifall einsetzte, hurtig ein paar Buhs. Sie können unmöglich der künstlerischen Umsetzung des Stücks gegolten haben; wohl eher der inhaltlichen Aussage dieser Aufführung. So viel kämpferischer Geist von der Bühne des Festivals der Reichen und Schönen herunter herrschte lange nicht in Salzburg. Und die Erkenntnis, dass das totgeglaubte Werk wieder aufs Theater gehört, mag nicht jedem gefallen.<BR><BR>Übrigens: Claus Peymann hatte die bereits vor einem Jahr. An seinem Berliner Ensemble gibt es eine sehenswerte Inszenierung des Stücks.

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