Unter die Räder geraten

- Soldaten stellen auf einer Bahre den erschossenen Schweizerkas vor der Courage ab. Kein Wort spricht sie. Bis zum Äußersten gespannt sitzt sie da. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Nur mit zweimaligem Kopfschütteln verneint sie die Frage, ob sie den Leichnam kenne. Ein winziges, kaum merkliches Lächeln wie ein zarter letzter Liebesgruß huscht über ihr Gesicht. Dann kann man zusehen, wie es sich verhärtet, wie die Versteinerung beginnt.

<P>Mit der Verleugnung ihres toten Sohnes hat sie sich, ihre Tochter Kattrin und ihren Kriegshandel gerettet. Ein Gazevorhang wird herunter gelassen, die Courage tritt vor ihn dicht an die Rampe und singt das "Lied von der großen Kapitulation": "Einst im Lenze meiner jungen Jahre . . ." Und davon, dass "der Mensch denkt: Gott lenkt".<BR><BR>Der schönste, der spannendste Moment der Aufführung. Cornelia Froboess, die die Courage ist, in ihrer ganzen schauspielerischen Bandbreite: zwischen tiefstem Schmerz der Mutter und pfiffigstem Lebensklugheits-Song, den die Froboess, hinreißend, sogar mit einem Schuss Swing versieht. Da wird's deutlich: Dieses Stück ist nicht veraltet, nicht zeigefingerhaft didaktisch, nicht lehrstückmäßig trocken. Im Münchner Residenztheater inszenierte Thomas Langhoff Bertolt Brechts 1941 in Zürich uraufgeführte "Mutter Courage und ihre Kinder".<BR><BR>Langhoff hat sich nicht verspekuliert: Cornelia Froboess in der Titelrolle bringt ihm schon den halben Erfolg. Mit Charme und Witz spielt sie die tüchtige und kluge, ja, lebensweise und listige Händlerin. Eine Frau mit Mundwerk und dem Herzen auf dem richtigen Fleck. </P><P>Keine Hyäne des Schlachtfelds, wie der Feldprediger sie einmal tituliert. Keine, die unsympathisch am Krieg verdient, wie es Brecht in der Theorie mit dieser Rolle vorgeschwebt hat. Die Froboess spielt - uneitel und unaufwändig - eine Frau, deren natürliches Umfeld der Krieg ist, der nichts weiter übrig bleibt, als mit ihm und durch ihn zu leben, um ihn so vielleicht zu überleben.<BR><BR>Übers Megaphon dröhnt schon ihr Auftrittssong, der eine Verkaufswerbung ist, noch ehe sie mit ihren Kindern in einem alten Jeep auf die Bühne gefahren kommt. Eine geschäftige, nüchterne Person. Während ihr im Verlauf der Handlung, vom sechsten bis zum 18. Kriegsjahr, die Kinder sterben, bleibt ihr am Ende keine Alternative zum Versuch, wieder in den Handel zu kommen. Nach dem Wiegenlied für die erschossene Kattrin rafft sie sich auf, zündet sich eine Zigarette an, läuft dem Auto entgegen, plagt sich, es durch Ziehen und Schieben wieder in Gang zu kriegen, und gerät dabei im wahrsten Sinne des Wortes unter die eigenen Räder. Dazu ertönt der Chor der Soldaten, und eine Scheinwerferbatterie blendet in den Zuschauerraum.<BR><BR>Womit wir bei der Regie Thomas Langhoffs wären. Ist für diese Inszenierung die Froboess seine halbe Miete, bleibt er dem Stück die andere Hälfte schuldig. Die Aufführung schleppt, findet nicht ihren Rhythmus; die bei Brecht hart aufeinander prallenden Gegensätze werden zu oft nivelliert. Partout unbrechtisch wollte Langhoff sein, um die Klippen des "epischen Theaters" zu umgehen. </P><P>Es ist richtig, dass wir uns nicht mehr über die Courage erheben. Was er uns an dieser Figur zeigt: dass wir heute irgendwie alle mittun an den Kriegen dieser Welt. Auch dass er auf das Ambiente des Dreißigjährigen Kriegs verzichtet und die Geschichte in ungefährer Gegenwart spielen lässt, ist kein Fehler.<BR><BR>Aber auf der Bühne fahrende und Benzingestank verbreitende Autos sind schon reine Äußerlichkeiten. Gags nur. Da fragt man sich, warum gegen Ende die stumme Kattrin (hervorragend und zu Recht mit allerstärkstem Beifall bedacht: Lisa Wagner) auf einen eigens aus dem Bühnenhimmel herabgelassenen Strommast klettern und mit Schraubenschlüsseln aufs Eisen prügeln muss. Wenn schon modisch, dann wäre hier die Autohupe als Alarmsignal näher liegender. Bei Brecht schlägt Kattrin - theatralisch sinnvoller und größer - übrigens die Trommel.<BR><BR>Einerseits setzt Langhoff auf Effekthascherei. Andererseits taucht er Stück und Figuren routiniert in einen stimmungsvollen Realismus, der bei Tschechow, Strindberg oder Hauptmann, der eigentlichen Domäne des Regisseurs, zwingend sein mag, der aber dem Brecht nicht gut bekommt. Es menschelt und tümelt zu sehr. Zum Beispiel wenn Langhoff Lagerleben inszeniert, indem er Soldaten (erstaunlich schlecht geführte Statisten) auf der hinteren Bühne Federball spielen oder im Wirtszelt besoffen lallen lässt. Oder wenn Marc Oliver Schulze als Eilif bei seiner Kriegsauszeichnung sich in unpassendem Psycholeid gefällt. </P><P>"In einem guten Land brauchts keine Tugenden."<BR>Mutter Courage</P><P>Als wenig vorteilhaft erweist sich ferner die Bearbeitung der zugegeben schwierigen und oft sperrigen Musik Paul Dessaus durch Rudolf Gregor Knabl. Als würde sich das Stück zudem gegen die von Peter Schubert mit Versatzteilen, Bäumen, Zelt und einer albernen Kanone zugebaute und darum den Spielfluss hemmende Drehbühne zur Wehr setzen, ging gegen Ende der Premiere ein Teil der Podestaufbauten - unfreiwillig - mit lautem Getöse zu Bruch.<BR><BR>Dass diese Panne nicht als Symbol für die gesamte Inszenierung steht, hat Langhoff den guten Schauspielern zu verdanken. Neben Cornelia Froboess und Lisa Wagner ist das vor allem Ulrike Krumbiegel. Als Lagerhure Yvette - eine abgewrackte, tragikomische Nummer zwischen Kaputtheit, Geilheit, Liebe und Geschäftstüchtigkeit - bringt sie mit ihrem schrillen Song jenseits Langhoff'scher Fertigkeiten einen Schuss Modernität und damit gut tuenden Widerspruch in diese Aufführung.<BR><BR>Zum Erfolg der "Courage" trägt auch Nikolaus Paryla bei. Für die Rolle des Feldpredigers ist er nach langer Zeit auf die Bühne des Residenztheaters zurückgekehrt. Ob es Rührung war oder Premierenaufregung? Jedenfalls fand Paryla erst nach der Pause zu seiner schauspielerischen Klasse. Schließlich noch Gerd Anthoff: als Koch ein Könner. Und als hervorragender Sänger des Salomonsongs beweist er, dass die Inszenierung mehr von dieser Schärfe nötig hätte. Milde Buhs für den Regisseur.</P>

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