Unter schützender Hand

- Manchem Orchester läutet angesichts der Sparwut das Sterbeglöcklein, Münchens Musiktheater-Biennale kommt glimpflich davon. Um 62 000 Euro wurde der jährliche 1,4 Millionen-Zuschuss heruntergeschraubt - eine "maßvolle" Kürzung, wie Festival-Chef Peter Ruzicka einräumte. Die Stadt habe ihre "schützende Hand" über dieses "weltweit einzigartige Forum für neues Musiktheater" gehalten. Ein Festival, das nach Ansicht von Kulturreferentin Lydia Hartl "essenziell" für München sei. Auch die übernächste Biennale im Jahr 2006 sei daher gesichert _ "mit allen Unwägbarkeiten des Haushalts".

<P>Nach Experimenten mit Computer-gestützten Projekten Anno 2002 werde man, so kündigte Ruzicka an, zum "geschlosseneren Werkbegriff" zurückkehren. Zwischen 12. und 28. Mai 2004 lockt die neunte Biennale mit fünf Uraufführungen. Eröffnung ist am 12. 5. im Gärtnerplatztheater mit der Oper "Berenice" des Österreichers Johannes Maria Staud, Durs Grünbein schreibt den Text Sie basiert auf der gleichnamigen Grusel-Erzählung von Edgar Allan Poe, Claus Guth führt Regie.</P><P>Ins Reich der Toten verirrt</P><P>Die zweite Premiere folgt am 13. 5.: die chinesische Kammeroper "Versuchung" des Komponisten Qu Xiao-song, der mit Wu Lan auch das Libretto schrieb (Carl-Orff-Saal). Sie dreht sich um Zhuang Zhou, einen der bedeutendsten Vertreter taoistischer Philosophie, der sich ins Reich der Toten verirrt. Die Aufführung wird koproduziert mit der Zeitgenössischen Oper Berlin und dem dortigen Hebbel-Theater.</P><P>"Oratio" des Litauers Vykintas Baltakas mit einem Text von Sharon Lynn Joyce kommt am 18. 5. im Theater im Haus der Kunst heraus. Es spielt das Münchener Kammerorchester unter Christoph Poppen. Baltakas geht von der provokativen These aus, dass die Bedeutung der Sprache im Musiktheater überschätzt werde - zumal üblicherweise der Text kaum verständlich sei. Er besinnt sich auf altgriechische Rhetorik und entwickelt sein Projekt aus dem Typus der Abschiedsrede, die an Götter gerichtet war, wenn sie eine Stadt verlassen wollten.</P><P>Der Franzose Mark André´ (Musik und Konzept) knüpft mit " . . . 22, 13 . . ." an die Apokalypse des Johannes an und verbindet diese mit der Niederlage Garri Kasparows gegen einen Schachcomputer, die Diskussionen über die Rolle von Maschinen auslöste. Uraufführung ist am 20. 5. in der Muffathalle, die Produktion wandert weiter ans Staatstheater Mainz.</P><P>Das "schwierigste und aufwändigste Stück der Biennale-Geschichte" ist laut Peter Ruzicka "Shadowtime" des Engländers Brian Ferneyhough (Libretto: Charles Bernstein), das am 25. 5. in Zusammenarbeit mit der Theaterakademie im Prinzregententheater Premiere hat und über das Leben Walter Benjamins reflektiert, ausgehend von seinem Selbstmord im Jahre 1940. Die Produktion wird noch in Paris, New York und London gezeigt.</P><P>Ergänzt wird das Biennale-Programm von einem Symposion, einem Konzert der Münchner Philharmoniker und den schon traditionellen Komponistengesprächen. Der Vorverkauf beginnt erst im März 2004.</P>

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