Unter Strom gesetzt

- Die Seite neun im Programmheft macht alle Hoffnungen zunichte. Geworben wird da für die Einspielung von Karl Amadeus Hartmanns "Kammerkonzert" mit dem Münchener Kammerorchester, Dirigent Christoph Poppen und dem Solisten Paul Meyer. Was wohl bedeutet, dass man das jüngste, grandiose Live-Ereignis nicht mehr auf CD bannen dürfte: Klarinettistin Sabine Meyer gastierte mit eben jenem Opus beim Kammerorchester (Prinzregententheater). Und die Intensität aller Beteiligten führte wieder vor Ohren, welch Ausnahmewerk Hartmann gelungen war.

Dabei ergaben sich reizvolle Unterschiede: Sabine Meyer mit butterweichem, noblem Ton und schmiegsamer Virtuosität; das Ensemble fand dafür Gefallen an der gezackten Faktur, an der pointierten Rhythmik, vereinte sich mit der Solistin zum seelenvoll musizierten Finale, in dem der spätromantisch gelaunte Hartmann Einsamkeit und Melancholie in Klänge fasste.

Mit ebensolchem Engagement hatte das Ensemble zuvor "Des Menschen Seele gleicht dem Wasser" von Alexander Asteriades (geboren 1941) gespielt, das fahle Momente mit tänzerischer Prägnanz koppelt. Das 1997 entstandene Opus bezieht sich auf Goethes Verse, wirkt wie ein Variationensatz im Scherzo-Charakter.

Gleichsam unter Strom gesetzt wurden die Auszüge aus Mozarts "Idomeneo". Wie überhaupt Christoph Poppens Sicht der Wiener Klassik fernab jeglicher Beschaulichkeit liegt. Auch Haydns 22. Sinfonie ("Der Philosoph") durchzog ein nerviger, drängender Gestus. Das extrem trennscharfe Klangbild emanzipierte Begleitstimmen - und vermittelte Haydns Feinheiten auch ohne Partiturlektüre.

Die Uraufführung von Dorothee Eberhardts "Kiné´mata" fiel dagegen etwas ab. Die vertrackten Rhythmen verlangten viel von den Musikern. Und was sich die Komponistin als Studie über "Bewegungen vielfältigster Art" dachte, entpuppte sich als Konzert für Perkussion und kleines Orchester: einfallsreich das musikalische Geschehen und meist auf hoher Betriebstemperatur, alles effektvoll, oft auch effektheischend. Programmpech? Dorothee Eberhardt war an diesem Abend schließlich von gewaltiger Konkurrenz umstellt.

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