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Immer wieder fotografierte Karl Hubbuch Kinder wie hier „Zwei Halbstarke“ (1929/30).

Unterhaltsame Entdeckung

München - Das Münchner Stadtmuseum hat einen Schatz gehoben und zeigt erstmals Karl Hubbuchs Fotografien. Hier lesen Sie, was alles geboten ist.

So etwas kennt man allenfalls vom schrillen Spanier Salvador Dalí: Ein Maler inszeniert sich in völlig schrägen Fotografien selbst – schon ab 1925. Doch hier sind wir mitten in Deutschland bei einem neusachlichen Künstler, der für seine kühltonigen Gemälde bekannt wurde. Auf einem der Selbstporträts schwingt er das Nudelholz, die Frau neben ihm hält den Föhn wie einen Revolver. Die Ausstellung „Karl Hubbuch und das Neue Sehen“ ist eine Entdeckung: Dass der Karlsruher Student und spätere Professor (1891-1979) mit seinen Modellen Rollenklischees aufs Korn nahm, starken Hang zum Slapstick und Experiment hatte und nachfolgend die heiklen politischen Jahre dokumentierte – wer hätte das gedacht? Das Münchner Stadtmuseum präsentiert erstmals Hubbuchs fotografischen Nachlass in einer unterhaltsamen Kombination mit Zeichnungen und Gemälden.

Vor genau zehn Jahren konnte das Haus 600 Negative und 100 Originalabzüge erwerben. Mehrere Studenten haben sich an diesem ungeordneten Rohmaterial schon die Zähne ausgebissen, bis es Karin Koschkar im Rahmen ihrer Doktorarbeit analysierte. Ergebnis: 170 Arbeiten sind jetzt unter den Aspekten Modellbildnis und Straßenleben ausgestellt. Beide Themenkomplexe aber sind eigentlich eine teils witzige, teils spannende Fokussierung auf den Wandel in der Gesellschaft.

Hubbuchs erste Frau Hilde beherrscht die Bilder mit einer (über-)emanzipierten Weiblichkeit und herbem Charme als Zeichen einer modernen Geisteshaltung. „Zweimal Hilde“ malt Hubbuch 1929 mit Zigarette und kurzen Hosen, ein andermal zeichnet er sie mit Föhn, Fahrrad und Bauhaus-Designer-Stuhl vor dem zerwühlten Bett. Daneben unzählige Aufnahmen, mit ebenso eigener Handschrift: mit extremer Nähe, seltsamen Ausschnitten und viel Inszenierung. Hilde hat später selbst zur Kamera gegriffen und in eigenwilligen Stillleben den Stil fortgeführt, bevor sie mit Kinderaufnahmen ihr Geld verdiente.

Hubbuchs nächste große Muse war Martha, die mit Bubikopf, Regen- und Malermantel die aufgeschlossene und dominante Femme fatale der späten 20er-Jahre markiert. Dann kam Marianne: Die sportliche Naturschönheit animierte Hubbuch zu Bewegungs- und Körperstudien in teils heroischem Licht, die manchmal deutlich auf die Ideale der 30er-Jahre verweisen, die von den Nationalsozialisten missbraucht wurden. Hubbuch selbst erhielt 1933 Berufsverbot und konnte erst 1947 wieder zurück an die Akademie. Die Vorboten dieser schwierigen Jahre hält Hubbuch auch fest: Aufmärsche der Hitlerjugend und der SA in schnellen Fotos und beißender Rohrfeder. Gleichzeitig macht er eigenwillige, scheinbar nebensächliche Sozialstudien in Karlsruhes Straßen: Hausrat, Blumenverkäufer, Ratschende, Passanten vor der Kinowerbung und immer wieder Kinder. Der Fasching animierte ihn im Jahr 1928 zu dem graubunten Epos „Die Narren kommen“, einer neusachlichen Interpretation von Bruegel und Bosch in politischem Licht. Dieser Sarkasmus untermauert seine Vorreiter-Position, die heute, 80 Jahre später, vor allem mit ihrer ironischen Selbstinszenierung erst so richtig beim Publikum ankommt.

Freia Oliv

Bis 4. März, Katalog: 49,80 Euro;

Telefon 089/ 23 32 23 70.

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