Untermieter mit Traum-Visionen

- Das passt natürlich nicht zusammen: Von Leonard Bernstein selig als "eines der besten Orchester weltweit" gerühmt werden - und dann keine künstlerische Heimat vorweisen können. Das Concertgebouw-Orchester wuchert damit, die Berliner Philharmoniker, sogar die direkte Konkurrenz Münchner Philharmoniker, nur das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks lebt zur Untermiete mal im Gasteig, mal im Herkulessaal, mal im Prinzregententheater. Ein unbefriedigender Zustand für die First-Class-Musiker.

<P>Doch das soll sich ändern, findet der designierte Chefdirigent Mariss Jansons, der das Thema gern in Pressekonferenzen oder Interviews anschneidet. Den Stein ins Rollen brachte der Bayerische Finanzminister. Ein umgebauter Marstall, so Kurt Faltlhauser vor einiger Zeit, könne sich für die BR-Symphoniker doch gut eignen - ein überraschender, eilig formulierter Vorschlag, um den es still geworden ist. Denn: Wer's bezahlt, ist nicht geklärt. </P><P>Der BR hat kein Geld, der Freistaat müsste sich schon gute Argumente einfallen lassen, warum er einem Orchester so großzügig unter die Arme greift. Außerdem: Ob München wirklich einen vierten Konzertsaal benötigt?</P><P>"Herr Braunfels hat kein Mandat des BR."<BR>Johannes Grotzky</P><P>Aus dem BR dringen inzwischen gemäßigtere, realistischere Töne. Hörfunk-Chef Johannes Grotzky, zu dessen "Hoheitsbereich" die BR-Klangkörper gehören, bezeichnet die Marstall-Lösung zwar als "Traum-Vision", für machbar  hält er  freilich eine ganz andere Variante: den Umbau des Herkulessaals. Ohnehin, so Grotzky, stehe in nächster Zeit eine Sanierung an, neben einer Neugestaltung der Wirtschaftsräume könne daher gleich der ganze Komplex überplant werden. Zwölf Architektur-Studien, die von der Geschäftsleitung in Auftrag gegeben wurden, habe er bereits in der Schublade liegen.<BR><BR>"Der Herkulessaal hat dieselbe Kubatur wie die Boston Symphony Hall", rechnet Grotzky vor. "Aber während in Boston 2200 Besucher Platz haben, sind es in München nur 1200." Eine Erweiterung nach hinten sei möglich, auch die komplette Umgestaltung des Ranges, womöglich könnte gar ein zusätzlicher eingezogen werden. Drei Jahre Planungszeit veranschlagt der Hörfunk-Chef für die Option Herkulessaal, die Marstall-Variante würde fünf bis sieben Jahre verschlingen.<BR><BR>Doch nicht nur die lange Vorplanung spricht gegen den Marstall, auch das Votum der "Hausherren". Dieter Dorn, Intendant des Staatsschauspiels, wurde immerhin vertraglich zugesichert, dass er baldmöglichst den Marstall wieder benutzen kann. Von ihm ist bekannt, dass er darauf pocht und dies Kunstminister Hans Zehetmair bereits mitgeteilt hat. Peter Jonas hat ebenfalls Rechte auf den Marstall, in seiner Staatsoper wird die Angelegenheit indes etwas ironisch kommentiert: "Das sind doch gigantische Kosten", meint Pressechefin Ulrike Hessler. "Wenn Freistaat und BR das Geld dafür haben: Sollen sie doch bauen."<BR><BR>Ganz so schwarz sieht Johannes Grotzky freilich nicht: "Wir zahlen eine Menge Miete für die Benutzung des Herkulessaals, des Gasteig und des Prinzregententheaters. Wenn man das hochrechnet auf 30 Jahre inklusive Abschlagszins, käme schon eine hübsche Summe zusammen, mit der wir uns an den Baukosten beteiligen könnten."<BR>Das Finanzministerium, obwohl vorgeprescht, ist inzwischen zum Thema Marstall verstummt. </P><P>Einen Anlass für eine erneute Stellungnahme könne man nicht erkennen, heißt es aus Kurt Faltlhausers Behörde. Und nachdem auch der BR zur Option Herkulessaal neigt, hat sich ein Münchner Promi-Architekt offenbar zu weit aus dem Fenster gelehnt: Stephan Braunfels, Schöpfer der dritten Pinakothek, ließ sich bereits zu Marstall-Planungen hinreißen und hat dies auch, sehr PR-wirksam, der Öffentlichkeit kundgetan. Doch darauf reagiert Johannes Grotzky etwas gereizt: "Herr Braunfels hat kein Mandat des Bayerischen Rundfunks."<BR><BR>Durch den von Grotzky vorgeschlagenen Umbau des Herkulessaals wären jedenfalls zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Das Symphonie-Orchester hätte eine Heimat. Und dem Saal könnte endlich ein anderes, helleres, zeitgemäßeres Ambiente als das aktuelle verpasst werden - von dem sich mancher Besucher an eine Mischung aus Seniorenheim-Foyer und Aussegnungshalle erinnert fühlt.</P><P> </P>

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