Den Unterricht erkämpft

- "Rot ist meine Lieblingsfarbe, und bei meinen Konzerten trage ich meistens rote Abendkleider, die ich fast alle während meiner Gastspiele in Japan kaufe, weil mir vom Körperbau her die japanischen Größen besser passen." Vielleicht trägt Alice Sara Ott auch heute Abend Rot, wenn sie um 20 Uhr im Münchner Herkulessaal ihren Klavierabend mit Beethovens "Waldsteinsonate" und den "12 Etüdes dexécution transcendante" von Franz Liszt gibt.

Die in München gebürtige und heute noch hier lebende, deutsch-japanische Nachwuchspianistin ist eine Wanderin zwischen den Welten. Die sympathische und entdeckungsfreudige 18-Jährige ist sowohl in der japanischen wie in der deutschen Kultur eng verwurzelt. "Wenn ich lange in Japan bin, habe ich Heimweh nach Deutschland und umgekehrt." Japanisch spricht sie fließend, ihre Interviews gibt sie in Japan ohne Dolmetscher.

"Von meinem Vater habe ich ur die großen Hände geerbt."

Alice Sara Ott

Von ihrer Mutter hat sie nicht nur das asiatische Aussehen geerbt, sondern vor allem die Musikalität. Vom deutschen Vater, einem Elektronikingenieur, "nur die großen Hände", wie sie sagt. Als Dreijährige hörte sie in Gräfelfing ihr erstes Konzert. "Ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern, was gespielt wurde und wer gespielt hat. In Erinnerung blieb mir nur, dass ich meiner Mutter nach dem Konzert sagte, ich werde Pianistin."

Die Mutter blockte, ein Jahr bettelte Alice Sara Ott, dann bekam sie Unterricht bei einer Privatlehrerin. Erfährt man, dass die Mutter eine in Tokio ausgebildete Pianistin ist, erstaunt das umso mehr, dass sich Alice Sara Ott ihren Klavierunterricht erkämpfen musste, entspricht es doch in keiner Weise dem Klischee, nach dem asiatische Eltern ihre Kinder in Musikerkarrieren drängen. "Weil meine Mutter aus der Szene kam, wusste sie ja, was auf mich zukommen würde. Sie war der Meinung, man sollte sein Kind nicht zu etwas zwingen. Ich glaube, sie wünschte sich, dass ich ein ganz normales Leben mit normalen Hobbys führe. Denn fängt man ernsthaft mit der Musik an, gibt es nicht erst den Schulabschluss und dann den Beruf, sondern da wird die Musik ganz schnell zum Job ­ und man ist dauernd auf Reisen."

Doch kein Problem für Alice Sara Ott, sie liebt das. Innerhalb Europas ist sie inzwischen allein unterwegs, in Japan mit ihrer Mutter. Sie geht gerne ins Kino, findet auch noch Zeit zum Kochen, Zeichnen und Schwimmen.

Konzertauftritte scheinen für sie das Selbstverständlichste der Welt. Im Herkulessaal stand sie schon als Fünfjährige im Schlusskonzert des Karl Lang Wettbewerbs auf dem Podium. Da entschied sie: "Ich spielte da ein ganz kleines Stück, aber der euphorische Beifall, den ich bekam, der beeindruckte mich sehr. Ich dachte mir, auf solchen Bühnen möchte ich weiterspielen."

Alice Sara Ott hat eine beachtliche Zahl von internationalen Wettbewerben gewonnen, darunter mit 15 Jahren als jüngste Teilnehmerin den ersten Preis beim Wettbewerb "Silvio Bengalli". Letztes Jahr verließ sie das Gymnasium nach der zehnten Klasse, in der japanischen Schule, die sie in München besucht, macht sie im Februar den Highschool-Abschluss.

Seit dem Jahr 2000 ist Alice Sara Ott Jungstudentin bei Karl-Heinz Kämmerling am Salzburger Mozarteum, musiziert sowohl in Europa als auch in Japan mit renommierten Orchestern und Dirigenten, wofür sie exzellente Kritiken bekam. Ihr Repertoire umfasst alle Epochen, doch Beethoven und vor allem Liszt haben für sie einen besonderen Stellenwert. Die Arbeit an der"Waldsteinsonate", das weiß sie jetzt schon, gehört zu ihren Lebensaufgaben, und die zwölf Etüden von Liszt "hört man selten im Ganzen, das wird 68 Minuten lang sowohl für mich als auch für das Publikum eine Herausforderung".

Entgegenwirken will sie dem Vorurteil, die Musik von Liszt sei Tastenakrobatik ohne Tiefsinn. Ihre erste CD enthält aussschließlich Liszt. Und auch biografisch sieht Alice Sara Ott eine Nähe zwischen sich und dem Komponisten. "Er ist am 31. Juli kurz vor Mitternacht gestorben, ich bin am 1. August kurz nach Mitternacht geboren."

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