Untertreibungskünstler

- Seine Kurz-Auftritte in Dieter Dorns "Pancomedia"-Inszenierung gehören zu den herrlichen Triumphen der Nebendarsteller über die eitle Noblesse der Kulturbetriebs-Protagonisten. Etwa als Buchfee, die mit schütterer Stimme und staubigem Haar die junge lustlose Autorin umspinnt mit feinen Gedanken-Fäden aus Fußnoten, Querverweisen und Zusammenhängen.

<P>Ein wunderbar zartes, zeitfernes Minuten-Theater: "Ich trag nur zu. Nur der Hinweis, nur der leichte Geist von einem Pfeil bin ich." Als komödiantischer Interpret zutragender Geister hat Richard Beek sich gewissermaßen den Ruf einer Idealbesetzung erspielt. Seine charismatischen Auftritte an den Rändern der Dramen mögen im ersten Augenblick als beiläufige Kuriosität durchgehen. Doch seine Melancholie und sein Witz setzen auf die Szenen einen grotesken, hageren Akzent, der in Erinnerung bleibt. </P><P>Der Regisseur Elmar Goerden hat Richard Beek jetzt zu einem geradezu revolutionären Vorzeichenwechsel innerhalb seiner künstlerischen Biografie bewegen können. In seiner neuen Inszenierung "Cherubim", ein Monolog-Drama von Werner Fritsch (Premiere am Sonntag im Münchner Haus der Kunst) spielt er den Knecht Wenzel Heindl. Ein abendfüllender Auftritt. </P><P>Richard Beek ist nicht nur auf der Bühne ein virtuoser Untertreibungskünstler. Auch im Gespräch beharrt er auf der Hintergrunds-Position. Man darf Fragen stellen, aber antworten mag er eigentlich nicht. Welche Geschichten, welche Bilder, welche eigenen Landschaften stehen ihm zur Verfügung, wenn er nun aus dem Leben eines verzweifelten, dem KZ entronnenen Krüppels erzählt? Die persönliche Kriegserfahrung hat einen Leidensschatz hinterlassen, der es Richard Beek, Jahrgang 1924, ermöglicht, sich Heindls Gewittern der Erinnerung mit Respekt zu nähern. Dafür muss er sich auf eine Sprache einstellen, die es so nicht gibt. Es ist das aufgestaute Parlando eines trutzig sich selbst beredenden Alten, der aus einem unaufgeräumten Vorrat an Geschichten schöpft. Die Wirrnis und störrische Erhabenheit annehmen, nicht nach Gründen fragen, sich staunend und unsentimental an die Schmerzpunkte dieses Mannes heranspielen, das hat Beek sich vorgenommen. </P><P>Seine Worte verschickt er mit einem seiner tief liegenden, schalkhaften Blicke. Als wolle er sicher gehen, dass seine Botschaften unterwegs zu seinem Gegenüber nicht verloren gehen. "Meine Augen sind schlecht. Die Bühne ist für mich nur noch eine ungefähre Landschaft." Die spielerische Freiheit dieses Schauspielers im Umgang mit den Zwängen, denen das Alter ihn aussetzt, sind zu bewundern. Im Leben und auf der Bühne.<BR><BR></P>

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