Unterwegs zur Normalität

- In Salzburg, vor nicht einmal drei Monaten, war das noch ganz anders. Als Schwarzmarktler mit 500er-Scheinen wedelten. Als Klunker aus Tresoren geborgen und um dattelige Hälse gelegt wurden. Und als la Diva zuvor mit Löffel und Kochtopf auf dem Domplatz für "La traviata" trommelte. Nichts dergleichen in München, wo Anna Netrebko erstmals die Rapunzel-Perücke überstülpte, um Gilda in Verdis "Rigoletto" zu sein. Gut, ein paar "Suche Karten"-Schilder vor dem Eingang, Star-Tenor Rolando Villazó´n, Regisseurin Doris Dörrie, dazu ein paar Bosse und Bonzen im Parkett - aber das war's dann auch schon.

Anna Netrebko also unterwegs in Richtung Normalität? Gemessen am künstlerischen Ergebnis war es ja auch eine recht normale Vorstellung im Nationaltheater. Die Netrebko sang sehr gut, aber eben nicht sensationell. Vielleicht genervt von Doris Dörries Regie-Nichts, vielleicht war's wirklich eine beginnende Erkrankung (die heutige Vorstellung hat sie abgesagt). Oder es lag daran, weil Verdi eben doch nicht die Vokalheimat der Russin ist. Und wenn sie dazu noch so verunstaltet wird wie hier, dann sind Ausstrahlung samt Sex-Appeal eben schnell dahin.

Heutige Vorstellung wegen Erkrankung abgesagt

Allerdings: Im Finale imponierte der Star. Denn großbogige Forte-Gesten, mit denen ihre tragfähige Stimme die Ensembleszenen schier durchfräste, und dies scheinbar unangestrengt, das sind die besten Momente bei Anna Netrebko. Weniger die kleinteiligen Bewegungen, die Belcanto-Momente, wo sich (eine Indisposition?) Mängel zeigten: Phrasen wurden kaum aus dem Piano entwickelt, Mezzavoce-Linien nicht optimal intoniert, schnell flüchtete sich die Netrebko dann ins Forte. Wie überhaupt mancher Tonansatz risikobehaftet war und ihre Stimme im Grunde nur eine charakteristische und kühle Farbe produzierte. An die verführerische Süße, an den Charme, mit dem Premierenbesetzung Diana Damrau das "Caro nome" zauberte, mochte man sich der Netrebko zuliebe nur ungern erinnern.

Und so kam's, dass die Oper ihren Titel völlig zu Recht trug: Nuancenkünstler Paolo Gavanelli (Rigoletto) sang und spielte sich unangefochten auf Rang eins. Nach der Pause ging die Stimmsubstanz zwar zur Neige, und Gavanelli musste kämpfen. Doch so durchdacht, wie er gestaltete, wie er jede Phrase, jeden Ton auf die Waagschale legte und mit seinem vielschichtigen Rollenporträt die Regie geradezu beschämte, das beeindruckte. München-Debütant Giuseppe Gipali fiel als Herzog dagegen ab. In der Normallage hörte sich der Albaner etwas blässlich an. Seine Stärke waren die großen, expansiven Passagen - also eher ein Fall für Radames oder Don Alvaro.

Nicht wiederzuerkennen war Zubin Mehta, dem im Februar noch die Premiere unter den Händen verplätschert war. Wie nach einer Überdosis Adrenalin trieb er Staatsorchester und (mäßig präzisen) Chor durch den Abend, ein kraftvolles Dirigat, mit dem der GMD zu Fabio Luisis vorangegangenen Abenden aufschloss.

Am Ende erwartungsgemäßer Jubel, doch hatte das Haus schon heftigere Orkane erlebt. Doris Dörrie amüsierte sich in Reihe sieben über manch ungewollte Komik der Szene: Dieser Humor der Regisseurin ist schon beneidenswert. Höchste Zeit, dass ihr Science-Fiction-Unfall endgelagert wird.

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