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Ein Besessener mit Selbstironie: Claude Chabrol im vergangenen Jahr bei der Verleihung der Berlinale-Kamera, die er für sein Lebenswerk erhielt.

Zum Tod des französischen Filmregisseurs Claude Chabrol

In den Untiefen des Bürgers

Paris - Wie man den eigenen Stand lustvoll seziert: Zum Tod des französischen Filmregisseurs Claude Chabrol.

Biografisches

Claude Chabrol, der aus einer Apothekerfamilie stammt, wurde am 24. Juni 1930 in Paris geboren und wuchs bei den Großeltern auf. Mit 13 gründete er einen Filmclub in einer Scheune.
Er studierte Literaturwissenschaften, kurzzeitig auch Jura und Pharmazie. Mit Éric Rohmer schrieb Chabrol die erste Hitchcock-Monografie. Später arbeitete Chabrol als Filmkritiker und in der Presseabteilung der 20th Century Fox. 1958 stellte er auf dem Festival von Locarno seinen ersten Film vor, der ihm den Durchbruch brachte.
Aus der Ehe mit Agnès Goute stammt der Sohn Matthieu Chabrol. Von 1964 bis 1980 war Chabrol mit Stéphane Audran verheiratet, gemeinsamer Sohn ist der Schauspieler Thomas Chabrol. 1983 heiratete er Aurore Pajot.

Ganz so schlimm, wie es Claude Chabrol später gerne behauptet, kann er seinen Beruf nicht gefunden haben: In 52 Jahren schreibt und inszeniert er immerhin 59 Spielfilme, dazu einige Fernseharbeiten und Beiträge zu Episodenfilmen. Nebenher erstellt er noch Drehbücher für andere Regisseure und steht gelegentlich auch selbst vor der Kamera – so zum Beispiel als Musikproduzent in „Gainsbourg“, der am 14. Oktober in unsere Kinos kommt.

Das klingt nicht so, als hätte man Chabrol, der am Sonntag im Alter von 80 Jahren gestorben ist, zur Arbeit drängen müssen. Er war ein Überzeugungstäter, ein Besessener des Kinos. Sehr zum Leidwesen der gutbürgerlichen Eltern, die es gerne gesehen hätten, wenn ihr Sprößling einmal Apotheker wird, so wie sie. Aber Chabrol ist dem Kino verfallen, gründet als Schüler Filmclubs und träumt davon, die Filmschule zu besuchen.

Doch er wird er zum Studium der Pharmazie verdonnert. Beim Film landet er dann doch – auf dem klassischen französischen Umweg: Er beginnt als Filmkritiker wie Eric Rohmer, Jean Luc Godard oder Franois Truffaut. Später gelten sie als Wegbereiter der „Nouvelle Vague“. Chabrol freilich kann diesem Begriff nichts abgewinnen: „Ich wusste nie, was das sein sollte.“ Chabrol gehört dazu, aber er ist anders. Er setzt sich bewusst als Dandy in Szene. Die absurd reiche Ehefrau ermöglicht es. Natürlich ist er strammer Kommunist wie jeder anständige französische Intellektuelle.

Experte für Beziehungskrisen: Romy Schneider und Rod Steiger in „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“.

Aber er tut nie so, als müsse man sich deswegen als Proletarier gerieren. Er lebt „dekadent“, wie er selbst sagt. Ist Wein, Weib und gutem Essen zugetan. Mit riesiger Brille und der notorischen Pfeife im Mundwinkel ist er Inbegriff des Bildungsbürgers, als er 1958 mit seinem Debüt „Die Enttäuschten“ Aufsehen erregt und beim Festival in Locarno gewinnt. Umso bemerkenswerter, als Chabrol über keinerlei praktische Erfahrung oder Ausbildung verfügt.

Aber er hat etwas anderes: Geld. Eine Erbschaft gibt ihm die Freiheit, in Ruhe nach eigenen Vorstellungen zu arbeiten. Gelernt hat er von der Leinwand, den unzähligen Filmen, die er in sich eingesogen hat. Insbesondere jene von Hitchcock, der damals nicht recht als Künstler anerkannt ist. Gerade als man sich nach Chabrols Erstling in der Branche damit tröstet, dass es sich um einen Glückstreffer handelt, der jedem einmal unterlaufen kann, legt er mit dem modernen Sittengemälde „Schrei, wenn Du kannst“ einen Geniestreich nach und holt sich bei der Berlinale den Goldenen Bären.

Im Alter wird er damit kokettieren, dass dieser Doppelschlag das tragische Verhängnis seines Lebens ist, weil er „dazu verdammt“ ist, weiter als Filmemacher zu arbeiten. Grober Unfug natürlich. Chabrol seziert lustvoll sein eigenes Milieu, die Bourgeoisie, und zerrt mit masochistisch anmutendem Genuss den Wahnsinn aus den Tiefen der bürgerlichen Seele. Seine raffiniert konstruierten Thriller kreisen obsessiv um das Monster in uns. Seine Ehebrecher, Betrüger, Mörder sind im Grunde ganz normale Leute.

Aber unter bestimmten Umständen ist die zivilisatorische Fassade schneller abgeblättert, als man darüber nachdenken kann. Egal für wie gesittet wir uns auch halten – getrieben werden wir von primitiven Instinkten und unkontrollierbaren Leidenschaften. So sieht das Chabrol und macht sich grimmig darüber lustig, dass seine Anti-Helden nach vollbrachter Schandtat fast übergangslos in das vorherige Gebaren verfallen und unter allen Umständen den Schein zu wahren versuchen.

Einer seiner letzten Filme: „Kommissar Bellamy“ (2009) mit Gérard Depardieu (li.) und Clovis Comillac.

Unvergessen, wenn Michel Bouquet als gehörnter Ehemann in „Die untreue Frau“ nach dem ersten Schock den eben erst gemeuchelten Nebenbuhler verschwinden lässt und mit akkurater Gründlichkeit den Tatort säubert. Dennoch, und das ist Chabrols Stärke, verrät er seine Charaktere nie. Es gelingt ihm sogar, Sympathie für sie zu wecken, obwohl er erkennbar weder deren Tun, noch deren Lebensstil billigt.

Wenn Chabrols zweite Ehefrau (es werden insgesamt drei), die wunderbare Stéphane Audran, in „Der Schlachter“ eine Leiche findet und mit dämonisch-teilnahmslosem Gesichtsausdruck ein Beweisstück einsteckt, das jemanden überführen würde, den sie mag, ist das einer der großen Momente des europäischen Kinos. Dass der Betreffende tatsächlich der Schuldige ist und man ihn im Laufe des Films immer sympathischer findet, macht die Dekonstruktion einfacher Denkmuster perfekt. Das Leben ist eine komplizierte Angelegenheit. Einerseits.

Andererseits ist Chabrol Moralist und unerbittlich fest: Es ist nicht leicht, aber einfach. Jeder weiß, was er tun sollte. Und was lieber nicht. In München übrigens hat er auch einmal gedreht. „Die Brautjungfer“ (2004) heißt der Film, und beim Interview frönte Chabrol seiner Leidenschaft fürs Englische, das er leider so überschaubar gut beherrschte wie der Verfasser dieser Zeilen das Französische. Die Botschaft war dennoch unmissverständlich: Das Leben ist entschieden zu kurz für schlechten Wein und unangenehme Frauen. Recht hat Chabrol. Und seine Filme lohnen es auch deshalb, noch einmal gesehen zu werden.

von Zoran Gojic

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