Untreue-Musik

- Das ewige Dilemma des Schriftstellers. Warum auch sollte es Martin Walser besser gehen als Hugo von Hofmannsthal, jenem Dichter, der als kongenialer Partner des Komponisten Richard Strauss seine grandiosen Libretti schrieb? Und der dennoch litt unter der Tatsache, ein Künstler der Worte und nicht der Töne zu sein. Bei seiner Eröffnungsrede "Frauenstimmen" anlässlich der Richard-Strauss-Tage in Garmisch-Partenkirchen formulierte Martin Walser dieses Problem: "Jedem Text kann man widersprechen. Nicht jeder Musik."

<P>"Der reine Ausdruck", so der Schriftsteller, "ist nur der Musik möglich, weil in der Sprache das Gesagte nie ganz aufgeht. Der Inhalt bleibt immer noch als solcher bestehen. Die Mitteilung bleibt jenseits des Ausdrucks. Das erwarten wir sogar von der Sprache. Leider. Die Musik kann sich bekanntlich als solche mitteilen. Das heißt, sie kann, was sie auch noch mitteilt, ganz in Musik auflösen."</P><P>Zum Beispiel in eine Frauenstimme. Durch Richard Strauss habe sie ihre Vollendung erfahren: "So weit ich weiß, hat ihn seit dem niemand übertroffen. Ich kenne nichts, was die Verwandlung von etwas Unerträglichem in das Allerschönste so vermöchte wie eine Frauenstimme." Gleichwohl räumte Walser ein, dass die großen Geister der Antike, Euripides und Aristoteles, genau das Gegenteil, also ganz und gar Unschmeichelhaftes über die weibliche Stimme behaupteten. Dann kam er auf Zerbinetta und Ariadne zu sprechen, die für ihn die Spiegelbilder ein und derselben Person sind. Die beiden "als zwei Phasen weiblicher Existenz, gesungen von e i n e r Frauenstimme, das wäre keine Oper mehr, aber es wäre ein Erotik-Oratorium, in dem DIE Frau endlich zur Gänze erlebbar würde".</P><P>Walser sprach über Leben und Leid, Liebe und Treue sowie über Moral und Würde, die Hofmannsthal seinen Figuren gab. Dazu aber die Musik, die diesen Rahmen sprengt. Walsers begeistertes Fazit: "Das ist sozusagen das Schlimmste, dass wir dieser absoluten Untreue-Musik nichts entgegenzusetzen haben." Und in seinem Vortrag rückte er, sich auf den "heiligen Kierkegaard" stützend, Zerbinetta in die Nähe Don Giovannis.</P><P>Über die Analyse der Liebesduette im "Rosenkavalier" und seine Auslassungen darüber, warum Octavian nur von einer Frau zu singen sei, schlug Walser den Bogen zu einer anderen starken, von Strauss und Hofmannsthal geformten Weibsperson, der "Ägyptischen Helena", die gestern Abend in Garmisch-Partenkirchen ihre konzertante Premiere hatte: "eine vor prinzipieller Disharmonie knisternde Partie: Braver Mann - Glamouröse Frau."</P>

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