Unvermögenssteuer

- Jammern über Deutschland ist leicht, auch auf der Kleinkunstbühne. Doch Arnulf Rating hat den Optimismus, den Mut zur Eigeninitiative noch nicht verloren. Und so präsentiert er sich in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft als "Ich AG", als Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Person. Und auch wenn die Betriebsprüfung nichts Gutes verheißt, seine Stimmung - und die des Publikums - vermag das nicht zu trüben. "Alles prima" also.

Natürlich ist dieser Titel blanker Zynismus, aber Rating kriegt die (Wachstums-)Kurve, indem er das Elend einfach wegwiehern lässt. Die künstliche Persönlichkeitsspaltung ist eine schöne Idee, denn sie erlaubt, die Sprache der Ökonomie auf den Menschen "aus Fleisch und Blut" zu beziehen. Und man darf über das Gutachten der fiktiven Beraterin, die Instandhaltungskosten überstiegen den Zeitwert Ratings, herzlich lachen.<BR><BR>Doch die Kunst des Ex-"Tornados", der noch immer einen veritablen Sturm entfacht, erschöpft sich nicht in der Rolle des Einmannbetriebs im permanenten Arbeitskampf gegen sich selbst. Unerschrocken geht er zum Frontalangriff auf die Verhältnisse in der BRD über und spart nicht mit konkreten Forderungen, zum Beispiel nach Einführung einer "Unvermögenssteuer" für Kanzler, Minister und Parteiführer. In Ratings fröhlichem Lamento ist alles irgendwie zum Anfassen, die "Reformpakete" liegen buchstäblich auf dem Tisch, die immer gleichen Schlagworte der politischen Auseinandersetzung werden in eine leicht verständliche Sprache übersetzt. Kurz und bündig: "Wir sind zu alt, zu krank und wir wissen nicht, was wir tun sollen".<BR><BR>Manches ist nicht mehr ganz aktuell, manches Wortspiel ("Schläfrig-Holstein") schön schrecklich, doch dafür versöhnt der Kabarettist - Perücke auf, fertig - mit Exkursen der besonderen Art. Einer der schönsten ist der über das Freizeitprogramm der fidelen Rentner von morgen - mit einer "Langen Nacht der Akupunktur" und "Amnesietagen im Holocaustcenter". Nach diesem Abend muss einem um die Zukunft des Landes nicht (mehr) bange sein.<BR><P>Bis Samstag, um 20 Uhr, Telefon: 089/39 19 97.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Von Jung bis Alt können sich die meisten Musik-Fans auf Rea Garvey einigen. Woran das liegt, zeigt er bei seinem Auftritt auf dem Tollwood. Die Nachtkritik.
Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Draußen rattern Züge über die marode Brücke, drinnen spielen sich die fünf junge Münchner „The Whiskey Foundation“-Musiker den Blues, Rock und Soul der 60er Jahre aus …
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel

Kommentare