Unwiderstehlicher Verführer

- Die Spielfläche ist ein Quadrat. An den Seiten links und rechts stehen Stühle, auf denen die Schauspieler, die nach und nach die Bühne betreten, Platz nehmen _ vor oder nach ihrem Auftritt. Dazwischen ein Sessel, nein, ein Thron. Er gebührt George Tabori, dem Regisseur von Lessings hellsichtigem genialen Jugendwerk "Die Juden", inszeniert fürs Berliner Ensemble. Wer Glück hat, wer eine Aufführung an einem Tag erwischt, an dem sich Tabori fit genug fühlt, erlebt ihn live: als einen, der sich wie nebenbei unter seine Darsteller mischt und als stummer Beobachter ihrem Spiel folgt. Am Ende - als Antwort auf den fragenden Blick seines Hauptdarstellers - nur eine kleine, vage Handbewegung. Und doch ein großer Moment des Theaters: die Geste des alten Weisen, in der eine ganze Welt liegt, sein ganzes Leben. Zweifel, Hoffnung und auch Fatalismus. Das Drama des 24-jährigen Lessing als Summe seines, Taboris, 90-jährigen Daseins.

<P>Geburtstagsgala im TV</P><P>George Tabori, der unwiderstehliche Menschenverführer und Szenenzauberer, der Schriftsteller, Spielmacher und Witze-Erzähler, der Theaternarr, Frauenliebling und -liebender, der Alles-Fordernde und Alles-Gebende, er wird heute 90 Jahre alt. Ungebrochen im Herzen, jung im Kopf, unermüdlich im Schaffen. Claus Peymanns Berliner Ensemble ehrt den "dienstältesten Theatermacher der Welt" heute - erst, 17 Uhr, mit der Premiere seines Stücks "Purgatorium", dann mit einer großen Geburtstagsgala. Der Abend wird live im Theaterkanal des ZDF und am 26. Mai, 22. 25 Uhr, in 3sat ausgestrahlt.<BR>Auch eine Tabori-Uraufführung ist demnächst geplant: "Die Hinrichtung", ein Stück über das gefährliche Leben von Politikern. Natürlich wird er's selbst inszenieren. Das Geheimnis seiner schier unerschöpflichen Inspiration erklärte er einmal so: "Ich betrachte die Welt mit den Augen eines Kindes und sehe dabei immer neue Sachen." Und Tabori betrachtet sie immer politisch, was auch bei seiner Biografie gar nicht anders möglich ist. Denn er ist ein ungarischer Jude, dessen Vater und mit ihm viele andere seiner Familie von den Nazis im KZ umgebracht wurde. Heute sagt George Tabori in einem "Spiegel"-Interview, er habe keinen Hass auf die Deutschen: " ,Die Deutschen gibt es für mich nicht, jeder war für mich erst einmal ein Mensch. Ich habe nie gefragt, ob einer ein Nazi war oder nicht. Es hat mich nicht interessiert."</P><P>Tabori in München</P><P>Als György Tabori wurde der Theatermacher am 24. Mai 1914 in Budapest geboren. Der Sohn eines Journalisten kam als 18-jähriger nach Deutschland, um in Berlin zu studieren und als Hotelboy zu arbeiten. 1936 emigrierte er nach London, war Auslandskorrespondent auf dem Balkan, arbeitete für die BBC und<BR>den Geheimdienst der britischen Armee im Nahen Osten, wurde 1945 britischer Staatsbürger und ging zwei Jahre später als Drehbuchautor nach Hollywood. Dort lernte er sie alle kennen - die Großen ihres Fachs, die Stars des Films, den Hitchcock und die Garbo, wie die Meister der Bühne, den Brecht und die Weigel.</P><P>1968 kehrte Tabori nach Deutschland zurück, zuerst nach Berlin, dann nach Bremen. Bevor er zu Claus Peymann ans Wiener Burgtheater ging, machte er Station in München. Zwischen 1977 und 1986 beglückte, verstörte, provozierte und erstaunte er mit seinen Inszenierungen immer aufs Neue das Publikum. Unvergesslich bleiben seine Improvisationen über Shakespeares Shylock, "Ich wollte meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die Juwelen in den Ohren". Oder "My mother's courage", einer später auch verfilmten Geschichte, in der Tabori seiner Mutter ein literarisches Denkmal setzte. Sie entkam durch einen bizarren Zufall der Deportation nach Auschwitz.</P><P>Tabori hat mitgeschrieben an der ruhmreichen Erfolgsstory der Münchner Kammerspiele - u. a. mit seinem Medea-Projekt "M", mit Achternbuschs "Mein Herbert", mit den "Troerinnen des Euripides". Und vor allem mit Becketts "Warten auf Godot", wo ihm die Schauspieler Peter Lühr, Thomas Holtzmann, Claus Eberth und Arnulf Schumacher eine Glücksstunde des Theater bescherten.</P><P>Dass es damals nicht gelang, Tabori, diesen, ja, auch unbequemen Mann, in München zu halten, gehört wohl zu den Schattenseiten der Lichterscheinung Kammerspiele. Im Bayerischen Staatsschauspiel folgten später weitere Aufführungen seiner Stücke. Erinnert sei an die "Kannibalen", an "Weisman und Rotgesicht", an "Mein Kampf", diese schwarze Hitler-Komödie, bei der hinter jedem Witz die Katastrophe lauert und die Trauer stets spürbar ist. Lachen und Weinen liegen in Taboris Geschichten wie in seinem Leben untrennbar nebeneinander. Das macht seine Größe aus.</P><P>Herzenswunsch König Lear</P><P>Wenn George Tabori heute hinter vorgehaltener Hand und ein bisschen kokett auch immer wieder betont, dass er eigentlich viel lieber in Wien sein würde als im Ungarn-fernen Berlin: Sein Zuhause ist da, wo ihm Menschen liebend und bedingungslos - denn beileibe nicht alles gerät Tabori zu großer Kunst - Heimat bieten. An Peymanns BE also will er sich noch einen seiner größten Herzenswünsche erfüllen: Shakespeares "König Lear" mit Hilmar Thate. Und wenn wir Glück haben, sitzt der ewig junge George dabei wieder mit auf der Bühne.</P>

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