Unwirkliches Luftwesen

- "Lulu", die ewige Verführung für die Männer - und immer wieder fürs Theater. Nach Peter Konwitschnys Version der Alban-Berg-Oper (Hamburg) bekommt auch die Bayerische Staatsoper (2004) eine "Lulu". Eine Einstimmung bietet soeben Stuttgart, wo Hauschoreograph Christian Spuck diesen Wedekind fürs Ballett entdeckte: "Lulu - eine Monstretragödie".

<P>Mutig. Vor allem, da es für Spuck, wenn auch schon als erfolgreichster Nachwuchschoreograph ausgezeichnet, das erste Handlungsballett ist. Ein Salon-artiger Einheitsraum (Dirk Becker) führt mit geschwungenen Treppen zu einer Empore für kleine Combo. Sofort schwebt hier ein Hauch von amüsierseligem 19. Jahrhundert, von Operette. Verstärkt später durch große Revue-artige Männer-Ensembles zu Walzer und Filmmusiken von Schostakowitsch, neben Musiken von Berg und Schönberg.</P><P>Zugleich aber wirkt die Szene nüchtern-neutral: in senkrechter "Warte"-Reihe an Tischen Lulus Bezugspersonen. Links vorne Schigolch, Erzähler, sich einmischend mit blutigen Deskriptionen der Mordopfer von Jack the Ripper - immer dann, wenn Lulu gerade mit einem ihrer Liebhaber/ Ehemänner oder der Geschwitz in eine heftige Tanz-Beziehung involviert ist.</P><P>Die Verschränkung von Tod und Liebes-Verlangen: eine herausgehobene Deutungsebene in der sonst bewusst konventionellen Ballett-Erzählung. Die andere ist Spucks Lulu als eine reine Männer-Projektion. Alicia Amatriains auf blond-fatal geschminktes Lolita-Gesicht ist via Betrachtungskamera auf einem großen Bildschirm zu sehen. Und Amatriain, eine blasshäutige, feingliedrige, über die Maßen bewegliche Tänzerin, wird - in den auf sie zugeschnittenen luftig-fließenden Bewegungen (erinnern an Mats Ek) - tatsächlich zum unwirklichen Luftwesen. Das ist wunderschön getanzt und melancholisch-zart gespielt, reduziert sich aber auf eine eindimensionale Lulu. Trotzdem empfiehlt sich Spuck hier als Handlungs-Choreograph und das exquisit tanzende Stuttgarter Ballett sowieso.</P>

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