Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper

- Ein doppelter Paukenschlag markiert den Beginn der Ära von Opernchef Kent Nagano, nämlich die Premiere von Richard Strauss' "Salome" am kommenden Freitag im Münchner Nationaltheater, die gekoppelt wird mit einer Uraufführung: "Das Gehege" von Wolfgang Rihm. Einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten hat hier die finale Szene aus "Schlusschor" von Botho Strauß vertont. Sie zeigt eine Frau in der Zwiesprache mit einem Adler freundlich, lockend, wütend, zum Mord entschlossen.

Wie kam es zur Paarung dieser beiden Stücke?

Wolfgang Rihm: Ich habe "Schlusschor" in Luc Bondys Berliner Inszenierung gesehen. Damals dachte ich mir bei der letzten Szene: Das müsste man vertonen. Irgendwann rief Kent Nagano bei mir an und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, ein Werk zu schreiben, das vor "Salome" gespielt wird. Da konnte ich gleich antworten: Ich habe etwas Passendes. Dass sich Bezüge zu "Salome" herstellen lassen, dass die Titelfigur der Strauss-Oper mit Jochanaan ein ähnliches Gegenüber wie "die Frau" in "Das Gehege" hat, all das war gar nicht als Parallele geplant. Ich sehe "Das Gehege" als einen Monolog, ähnlich wie Schönbergs "Erwartung", der auch in einer konzertanten Situation funktionieren könnte.

Wie musikalisch ist die Sprache von Botho Strauß?

Rihm: Sie ist sehr inspirierend. Botho Strauß und ich kennen uns schon seit den späten 70er-Jahren. Er gehört zu den Autoren, von denen ich alles lesen will. Trotz aller Direktheit gibt es bei ihm immer so eine schwebende Ambivalenz. Es irisiert auf eine Weise, die sich nicht fassen lässt.

Welche Rolle spielte Gabriele Schnaut bei der Komposition?

Rihm: Sie ist sehr vertraut mit meinem musikalischen Idiom. Sie hat zum Beispiel meine "Hamletmaschine" schon gesungen. Umgekehrt kenne ich ihre Stimme gut. Aber "Das Gehege" soll ja auch unabhängig von den Münchner Aufführungen weiterexistieren.

Manche Gesangsstellen haben Sie in einer Alternativversion notiert.

Rihm: Das kam durch die Arbeit mit Gabriele Schnaut. Ich wurde dazu ermuntert, die Höhe öfter zu frequentieren.

Sind Opernhäuser eigentlich bei modernen Stücken mutiger geworden?

Rihm: Da scheint sich tatsächlich etwas zu ändern. Es wird vor allem von jungen Komponisten freudig erwartet, dass sie etwas fürs Musiktheater schreiben. In meiner Jugend hatte das so einen Hautgout: "Was? Du machst was fürs Theater? Igitt!" Ich glaube allerdings nicht, dass es ein zusätzliches Mut-Reservoir gibt. Eher ermuntert die Politik zur Mutlosigkeit. Man denke nur an das Forum Neues Musiktheater in Stuttgart. Kaum ist Intendant Klaus Zehelein dort weg, wird‘s gestrichen.

Und das immerhin in einem ähnlich reichen Landstrich wie Bayern.

Rihm: Wobei Deutschland schon ein Landstrich ist, in dem mehr Mut wohnt. Schauen wir doch in Richtung USA: Alles, was da für die Bühne entsteht, ist hart am Musical. Entertainment eben.

Eine Entwicklung, die aber auch schon bei uns längst Fuß gefasst hat.

Rihm: Das schon. Vor allem, wenn man an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk denkt, der übertrieben nach Quoten schielt. Und dann möchte man gleich Bayern 4 streichen. "Das Publikum will das so" ist nur ein Totschlagargument.

Welchen Adressaten haben Sie vor sich, wenn Sie schreiben?

Rihm: Niemand bestimmten. Zunächst habe ich mich vor mir. "Das" Publikum gibt es nicht. Während einer Aufführung sind das Individuen, die sich in einer bestimmten chemischen Verbindung miteinander befinden. Und die ist nicht berechenbar.

Können Sie gut loslassen? Ist es leicht, das Stück dem Theater zu überlassen?

Rihm: Ja. Selbstkritik treibt mich eigentlich schon ins nächste Stück. Meine Kompositionen fürs Musiktheater sind auch Angebote an die szenische Fantasie der Regisseure. Ich bin immer noch überrascht, wenn ich meine Werke erstmals live höre. Und wenn ich merke, dass klangtechnisch alles ineinander greift, dass es nirgendwo hakt, dann ist das die größte Befriedigung.

Strauss wurde vielfach vorgeworfen, nach "Elektra" und "Salome" sei er nicht weitergegangen und hinter diese beiden Würfe zurückgefallen.

Rihm: Es kommt darauf an, wie man "weitergehen" für sich definiert. Ob man es nur an eine Verschärfung der Mittel knüpft. "Weitergehen" kann aber auch Konsolidierung bedeuten. "Die Liebe der Danae" von Strauss ist doch im klanglichen Sinn ein radikales Stück. Was ist denn das avancierteste Mozart-Stück? Eine solche Beurteilung ist immer relativ. Ich selbst empfinde mich nicht als linear angelegt, sondern eher konzentrisch. Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, ich entfalte mich von Mitten heraus an Ränder. Ich teile mich nicht in blaue und rosa Phasen ein.

Empfinden Sie als einer der derzeit arriviertesten Komponisten einen besonderen Qualitätsdruck? Einen Druck, sich ständig neu beweisen zu müssen?

Rihm: Ich muss eigentlich in erster Linie vor mir selbst bestehen. Das Einzige, was ich spüre und was mir zu schaffen macht, ist der Zeitdruck. Wenn Zeit vergeht und ich das Gefühl habe, mir wird Substanz entzogen.

Viele Uraufführungen etwa der Münchener Biennale haben von der klassischen Erzählstruktur Abschied genommen ­ und auch keine nachhaltige Wirkung erzielt. Kann es sein, dass Musiktheater ohne bestimmte Grundzutaten nicht auskommt?

Rihm: Das Narrative ist wohl eine Zeitlang durch den Film derart besetzt worden, sodass man dachte, man könnte im Musiktheater andere Wege gehen. Etwa wie man psychologische Bewegungen in Bilder und Vorgänge überträgt. Ich würde das Anti-Narrative aber nicht von vornherein ablehnen. Entscheidend ist immer noch eine überzeugende Musik und eine szenisch weit interpretierbare Vorgabe. Wenn Wagners "Ring" nicht diese Musik hätte, sondern von August Bungert geschrieben worden wäre, dann würde ja keiner mehr davon sprechen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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