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Monströse Selbstbetrüger: Szene mit (v.li.) Ulrike Willenbacher, Lukas Turtur, Manfred Zapatka, Gerhard Peilstein und Franz Pätzold, unten Katharina Schmidt.

Uraufführung: Kroetz' Kindertotenlied

München - Schwere Kost am Bayerischen Staatsschauspiel: Die Uraufführung von Franz Xaver Kroetz’ erschütterndem Missbrauchsdrama „Du hast gewackelt“ wirkt bei den Besuchern noch lange nach. Eine Kritik:

Es ist ein Theaterabend, der sich mit den üblichen Kriterien kaum fassen lässt. Im Münchner Cuvilliéstheater hat Anne Lenk die Uraufführung von Franz Xaver Kroetz‘ „Du hast gewackelt“ inszeniert. Kroetz schrieb sein „Requiem für ein liebes Kind“ unter dem Eindruck des im September 2001 in Saarbrücken verschwundenen fünfjährigen Pascal. Die Leiche des Buben wurde nie gefunden. Die Anklage ging in dem dreijährigen Prozess davon aus, dass das Kind von den Stammgästen der „Tosa-Klause“ mehrfach missbraucht und schließlich getötet wurde.

Kroetz lässt fünf Täter sowie Mutter und Tante des Kindes (allesamt „frei erfunden“, wie er betont) zu Wort kommen. „Du hast gewackelt“ ist ein unglaublich intensiver, brutaler Text, dessen Lektüre schwer erträglich ist. Genau das macht die Stärke dieses Kindertotenlieds aus. Kroetz presst den Leser tief hinein in die seelischen Abgründe der Kinderschänder, die sich alle für unschuldig halten: „Ich habe immer dreimal gefragt, willst du das, willst du das wirklich, tut es dir gut, tut es auch nicht weh, ist es schön.“

Bis zum Ende werden diese Menschen ihren Missbrauch als Fürsorge ausgeben, als Hilfe für den „kleinen Fratz“, dem sonst keiner geholfen hat, beim Popoputzen, Pipi machen und vielem mehr. Werden sie von Schuldgefühlen überwältigt, schieben sie diese rasch weg, beschuldigen Mutter und Tante, die dem Buben das Geld abgeknöpft haben, mit dem er gefügig gemacht wurde: „Ihr habt es ihm abgenommen und warum. Damit er wieder ins Klo geht, damit er immer wieder Pimmel raus, Pimmel rein, und wenn du es schluckst, kriegst du noch 1 Euro extra.“

Vom Kind erfahren wir bei Kroetz nur durch die Täter, die ständig (angebliche) Dialoge zwischen sich und ihrem Opfer wiedergeben. Es ist ein brutaler Kunstgriff des Autors, denn so wird der Bub noch lange nach seinem Tod wieder und wieder bezwungen, mit Worten vergewaltigt. In seiner Wucht und Unbarmherzigkeit ist „Du hast gewackelt“ ein gutes Stück, das erschüttert und nachwirkt, wenn die nächste Zeitungsmeldung über den nächsten Kindesmissbrauch schon vergessen ist.

Die junge Regisseurin Anne Lenk, Jahrgang 1978, arbeitet in ihrer gut 90 Minuten langen Inszenierung mit Reduktion und Minimalismus. Während Kroetz seinen Text am unteren gesellschaftlichen Rand ansiedelt (bevor das erste Wort gesagt wird, erklären knapp vier Seiten Handlungsort und Personen), lässt Lenk ihre sieben überzeugenden Schauspieler in einem leeren, schwarzen Raum auftreten.

Die Regie deutet nur an und vertraut auf die Wucht des Textes

Eine kluge Entscheidung, die das Allgemeine des Verbrechens betont, indem sie eine zu genaue Milieu-Verortung verweigert. Über den Köpfen der Darsteller schwebt drohend eine Gefriertruhe, aus der Schmelzwasser tropft. Es bleibt eine der wenigen grausigen Andeutungen. Statt zu sehr zu bebildern, vertraut Lenk auf die Wucht des Textes, betont so dessen Requiems-Charakter.

Manfred Zapatka, Lukas Turtur, Gerhard Peilstein, Franz Pätzold und Shenja Lacher zeigen die Täter nicht als Monster, sondern als monströse Menschen. Sie winden und winseln, sie verdrängen und verleugnen, sie lügen und lamentieren. Sie alle haben den Kleinen doch nur geliebt, wollten nur das Beste für ihn. Permanent rechnen sie vor, wie viel Geld sie für Spielsachen, Essen, Kleidung ausgegeben haben. Der (Selbst-)Betrug lässt sich für diese Männer aber immer schwerer aufrechterhalten, immer brutaler wird ihre (Körper-)Sprache.

Katharina Schmidt und Ulrike Willenbacher sind ebenfalls Täterinnen, die am Missbrauch sogar verdient haben. Doch Mutter und Tante können ihre Beschützerinstinkte nicht völlig unterdrücken: „Alles, was ihm Spaß macht. Hab ich immer gesagt. Nichts, was ihm keinen Spaß macht“, wiederholt Willenbachers Wally von Mal zu Mal hysterischer. Beeindruckend ist, wie geschickt Lenk ihre Schauspieler zwischen Rechtfertigung des Einzelnen an der Rampe und Verteidigungsreden zusammengerottet im Chor wechseln lässt. Dadurch entwickelt der Abend einen düsteren, schmerzhaften Sog.

Das stärkste Bild, alles vorwegnehmend, was folgen wird, hat die Regisseurin an den Anfang gestellt: Wie bei einem wilden, doch harmlosen Kinderspiel wird die kichernde Elfi (Katharina Schmidt mit durchaus noch kindlichen Zügen) von den anderen herumgeschubst, bis aus Kitzeln und Knuffen, Befingern und Betatschen wird.

Seit 2004 liegt „Du hast gewackelt“ als Buch vor. Auf Anfrage teilte Kroetz schriftlich mit, er habe sein Stück nach der Fertigstellung den „üblichen Verdächtigen“ angeboten, etwa dem langjährigen Staatsschauspiel-Intendanten Dieter Dorn. Dass keiner es habe machen wollen, hätte ihn „enttäuscht“, schreibt Kroetz. Respekt daher für Dorn-Nachfolger Martin Ku(s)ej, der den Mut hatte, die Uraufführung dieses wichtigen, doch auch schier unerträglichen Textes auf seinen ersten Münchner Spielplan zu setzen.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 20., 24. März, 13. April;

Telefon 089/ 2185-1940.

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