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Im verrotteten Wirtshaussaal, der die Seelen spiegelt: Semi, der Erbe des Seewirts, gespielt sowohl von Steven Scharf (re.) als auch von Thomas Hauser. Foto: Judith Buss

Premierenkritik

Bierbichler-Roman als Theaterstück

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Die Münchner Kammerspiele zeigen Josef Bierbichlers autobiografisches "Mittelreich" als problematische Musiktheater-Version. Die Premierenkritik:

Es ist ungewöhnlich, im Münchner Schauspielhaus einen Orchestergraben vorzufinden. Aber Opernregisseurin Anna-Sophie Mahler (für „Francesca da Rimini“ bei den hiesigen Festspielen aktiv) hat ja „Mittelreich“ als Musiktheater für die Kammerspiele inszeniert.  Mahler und Dramaturgin Johanna Höhmann destillierten ihren Text aus dem 2011 erschienen Roman von Josef Bierbichler. Der Schauspieler erzählt die Geschichte einer Bauern- und Wirtsfamilie vom Starnberger See zwischen dem Ersten Weltkrieg und den frühen Achtzigerjahren.

Für ihre Klang-Version – schließlich sind die Wirtsleut’ im Buch musiknarrisch – hat sich die Regisseurin zwei Flügel, Pauken und einen Chor besorgt. Johannes Brahms’ „Deutsches Requiem“ bildet das Rückgrat des theatralen „Mittelreichs“. Wunderbar gelingt damit der Auftakt zum Uraufführungsabend (zweieinhalb Stunden). In dem cremeweißen, kahlen Raum, der mit seiner halbhohen Vertäfelung und der verdeckten Bühne an einen alten Wirtshaussaal erinnert (Duri Bischoff), stehen nur sechs Stühle frontal zum Publikum. Annette Paulmann, Steven Scharf, Thomas Hauser, Stefan Merki, Jochen Noch und Damian Rebgetz besetzen sie.

Nach einem kurzen Vorspiel aus dem Graben stimmen die Schauspieler ein – hauchzart und mit sympathischer Unsicherheit. Bei ihrem „Selig sind, die da Leid tragen“ gibt ihnen Julia Selina Blank klar und dirigentisch unaufgemotzt Sicherheit. Das Junge Vokalensemble München beweist schließlich als Chor vom Balkon herab, wie fulminant die Musik ist. Bei ihr und den Bibelversen geht es um Leid, aber auch um Freude und Trost. Die liebevolle Utopie ruht in der Musik – vom Drama wird diese Hoffnung demontiert.

Ebenso wie die Kraft Anna-Sophie Mahlers, ihr musiktheatralisches Konzept durchzuhalten. Obendrein fehlen ihr die Regiemittel, den Schauspielern zu helfen, die Roman-Ausrisse mit Leben zu füllen. Bei Spaßetteln wie dem erotischen Gesangsunterricht, den Kammersängerin Krauss (Paulmann) dem jungen Pankraz und späteren Seewirt (Hauser) angedeihen lässt, läuft die Bühnenchose natürlich von selbst. Wenn es jedoch um Texte zwischen Seelennot und sinnierender Lebensreflexion geht, dann hätte gestalterisch intensiv gearbeitet werden müssen. Zumal die Künstler sich mit Zwittern aus Erzählung und Dialog, mit mehreren Rollen und Zeit-, also Bewusstseinsebenen herumschlagen müssen. Die Darsteller begegnen ihrer Unsicherheit mit Routine, ehrlich gezeigten Leerstellen oder sich zwischendrin aufbäumendem Formwillen.

Vieles, was uns im Roman bewegt, wird ebenfalls von Mahler angerissen: Vater-Sohn- und Mutter-Sohn-Beziehung, Umgang mit Außenseitern, ob Flüchtlinge oder Demenzkranke, Missbrauch, Religion und die Frage nach der Rechtmäßigkeit von Besitz. Mächtige Themen, die Bierbichler scharf anging, die Mahler reizten – mit denen sie die Schauspieler genauso allein ließ wie mit der Form des Ganzen.

Das löst bei jenen fast Schockstarre aus, auf die mancher Zuschauer mit Hustensalven reagiert. Nicht nur deswegen sind Teile der oft wunderfein und menschenklug formulierten Schilderungen und Überlegungen, die ja großartige Monologe böten, nicht verständlich. Es gibt keine Durchdringung der Texte und deswegen auch nicht der Persönlichkeiten. Die Liebe, mit der Josef Bierbichler (er dreht übrigens einen Film) sie modelliert hat, ist auf der Bühne verrottet wie der auf der Hinterbühne dublizierte Wirtshaussaal.

Wer danach Trost sucht, findet ihn bei Brahms, dem Jungen Vokalensemble und in Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“.

Karten unter Telefon 089/ 23 39 66 00.

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