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Diese höllische Himmelfahrt ging schief: Szene mit Topi Lehtipuu (Adam, re.), Eva (Cora Burggraaf) und Georg Nigl (Lucifer) aus der Uraufführungs-Inszenierung von Balázs Kovalik.

Uraufführung im Nationaltheater: „Die Tragödie des Teufels“

München - Im Münchner Nationaltheater wurde „Die Tragödie des Teufels“ von Peter Eötvös und Albert Ostermaier uraufgeführt. Eine Premierenkritik.

Die Handlung

Lucifer will den Kampf gegen Gott gewinnen und Adam mit dem Bösen infizieren. Zu Hilfe kommt dem Teufel dabei Lucy, die sich als Adams erste Frau Lilith entpuppt. Lucifer führt Adam und Eva durch verschiedene Epochen und an verschiedene Orte der Weltgeschichte. Adam nimmt immer stärker teuflische Züge an, Lucifer und Lucy fürchten um ihre Existenz. Adam, dem auch Skrupel kommen, möchte der Weltgeschichte ein Ende bereiten. Eva enthüllt ihm, dass sie schwanger ist. Auf Drängen Lucys tötet Adam Eva – Lucifer fühlt sich verraten.

Ein schönes Paar. Hoch oben auf der Treppe, wie aus der Raumpatrouille gefallen, im schwarz-silbrigen Ganzkörperdress – auch wenn er die neue Zweisamkeit kaum zu genießen scheint. Die Irritation sei Adam gegönnt: Gerade Eva samt ungeborenem Kind gemeuchelt und nun von der bösen Erstfrau Lilith umgarnt, da überdenkt man gern mal den Neuanfang des Menschheitsgeschlechts. Wie es weitergeht? Bleibt offen. Ein Rätsel. Eine Aufgabe für Rabulisten – wie so vieles an diesem Abend, dessen Musik sich 100 Minuten lang das Hemd aufreißt und im Münchner Nationaltheater, bei der mit Spannung erwarteten Uraufführung von „Die Tragödie des Teufels“, die große Welttheater-Groteske steigen lässt.

Wer die frühen Stücke von Komponist Peter Eötvös kennt, ihre auch sinnlich-verführerische Qualität, muss umhören. Und wer den Dichter Albert Ostermaier schätzt, seine kraftvoll raunende Lyrik, muss sich erst einlesen in einen Text, der sich dem Musiktheatergebrauch oft sperrt – sofern in den Ensembleszenen überhaupt etwas davon zu verstehen ist.

Auf Rat von Intendant Nikolaus Bachler hatten sich beide „Die Tragödie des Menschen“ vorgenommen, jenen theaterprallen, vielsagenden, auch komischen „ungarischen Faust“ von Imre Madách (1823-1864). Keine Neufassung ist entstanden, sondern eine Reflexion über die Vorlage, die zwar Szenen aufgreift, aber vieles auch – vor allem mit Kino-Anspielungen auf „Matrix“, „Strange Days“ & Co. – unter Mühen ins Heute zerrt. Adam und Eva touren also nicht nur nach Athen und Rom, sondern auch nach Phosphor City und in einen „Shop“.

Die Besetzung

Dirigenten: Peter Eötvös, Christopher Ward.

Regie: Balázs Kovalik.

Installation: Ilya und Emilia Kabakov.

Kostüme: Amélie Haas.

Darsteller: Cora Burggraaf (Eva), Ursula Hesse von den Steinen (Lucy), Topi Lehtipuu (Adam), Georg Nigl (Lucifer), Julie Kaufmann (Jeriko), Elena Tsallagova, Heike Grötzinger, Annamária Kovács (Die Rumata), Kevin Conners (Skelton), Christoph Pohl (Strugatzi), Nikolay Borchev (L), Christian Rieger (Arkanar), Wolfgang Bankl (Boris).

Passend zum teuflischen Plan ist Eötvös’ Musik fast ständig außer sich, schneidet Grimassen, liebäugelt mit dem Effekt, bekommt dann eine Äußerlichkeit, die womöglich gar nicht beabsichtigt war. Und beruhigt sich nur selten, was in oszillierenden Flächen oder in der Eötvös-typischen, gleitenden, glissandierenden Harmonik passiert. In weiten Spreizungen bewegen sich die Gesangsstimmen, der Tritonus als „Teufels-Intervall“ taucht naturgemäß auf, wird fast überstrapaziert. Manchmal wird auf Tonhöhen gesprochen, wie überhaupt die Grenze zwischen Sprechen und Singen verwischt. Ein bewährtes Stilmittel, auf das zum Beispiel schon Berg im „Wozzeck“ vertraute.

Eva wird auch musikalisch als lyrische Naive vorgeführt, was Cora Burggraaf und ihrer filigran-weichen Stimme gut steht. Einmal („Tötet ihn“) grüßen von Ferne Turba-Chöre à la Bach-Passion. Und ein alter Bekannter aus der Opernhistorie ist das Mephisto-Lied: Begleitet vom Klavier, ist Lucifer ein ätzendes Solo gegönnt – ebenso wie das Finale, in dem die Musik nach dem Verrat am Teufel zusammenzufallen scheint. Starke Momente sind das, vor allem für Georg Nigl. Ein Lucifer zwischen ironischem Florett und der expressiven Stummfilm-Gebärde. Und ein Bariton, der sich lustvoll jede Nuance auf der Zunge zergehen lässt, dabei seine Stimme auch beherzt bis an Kraftgrenzen treibt. Eötvös und Ostermaier zielen auf die ganzheitliche Groteske – und überreizen auch manches. Doch während die Komposition trotz ihrer vielen Schichtungen und Raffinessen nachvollziehbar bleibt, versteigt sich Ostermaier auch bis zum nicht mehr Enträtselbaren.

Die heftigsten musikalischen Ereignisse spielen sich im kleinen Orchester im Graben ab, das für die perkussiven Momente verantwortlich ist. Dort steht auch der Komponist höchstselbst, „sendet“ dem Kollegen Christopher Ward per Monitor abgeklärte Dirigierbefehle auf die Hinterbühne, wo der größere Teil des Staatsorchesters die grundierende, kommentierende Klanglichkeit besorgt.

Bei den Kollegen mag’s nicht mehr so Sitte sein: Eötvös und Ostermaier interessieren sich tatsächlich für eine Art lineare Handlung. Doch die spreizt sich wie die Vokallinie. Mäandert, arbeitet mit Querverweisen, bis die Anspielungssättigung erreicht ist. Auf der monumentalen Freitreppe von Ilya und Emilia Kabakov, die sich langsam im Uhrzeigersinn dreht, an einem Gewölberest erhebt und an der die menschliche Entwicklung in Symbolen gezeigt wird, ist das alles schön anzuschauen. Doch dient die Inszenierung von Balázs Kovalik kaum der Erhellung. Das Auf- und Herniederfahren aus Versenkungen, auch Kostüme wie aus Science-Fiction-Filmen der 60er sind gut abgehangen. Ansonsten wird auf die starke Präsenz der Sänger vertraut. Besonders im Falle von Nigls Lucifer und Ursula Hesse von den Steinen (Lucy/Lilith), die in Eigen-Regie ihre auch vokal wirkungsvolle Domina-Nummer abzieht. Ein singdarstellerisches Lichtwesen ist der schönstimmige Stilist Topi Lehtipuu als Adam. Nicht nur seinetwegen entlässt einen die Aufführung kaum aus der Aufmerksamkeit, obgleich ein Gefühl zurückbleibt: Irgendwie sind die Gewichte nicht austariert. Manch einer in der verhalten jubelnden Premierengemeinde zeigte sich daher wohl wie Adam – irritiert.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen: 25., 28. 2. sowie 6., 9. 3.; Telefon 089/ 2185-1920.

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