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Ungarisch-bayerische Zusammenarbeit: Komponist Peter Eötvös (re.) und Dichter Albert Ostermaier (Mi.) im Gespräch mit MM-Redakteur Markus Thiel.

Uraufführung im Nationaltheater: Die Schöpfung, noch ein Versuch

München - Dieser Apfelbiss hat andere Folgen als die biblischen: Lucifer führt Adam und Eva durch die Menschheitsgeschichte. Durch Epochen voller Unterdrückung, Kriege und Ungewissheiten.

Doch bald, als Adams erste Frau Lilith auftaucht, erkennt Lucifer, dass er überflüssig ist, weil der Mensch immer teuflischer wird – das ist „Die Tragödie des Teufels“. Das gleichnamige musikalische Welttheater des ungarischen Komponisten Peter Eötvös mit einem Text des gebürtigen Münchners Albert Ostermaier basiert auf der „Tragödie des Menschen“, dem „ungarischen Faust“ von Imre Madách (1823-1864). Heute ist Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper.

-Der Briefwechsel zwischen Strauss und seinem Textdichter Hofmannsthal ist ausführlich dokumentiert. Was haben wir von Ihnen zu erwarten?

Eötvös: Wir haben eher E-Mails gewechselt. Einen Teil davon habe ich allerdings schon gelöscht.

Ostermaier: Ich habe keine einzige gelöscht! Außerdem merkt sich ja Deine Festplatte alles. Übrigens haben wir auch viel geskypt.

-Bei Paarungen wie Strauss/ Hofmannsthal oder Verdi/ Piave gab es Unstimmigkeiten. Und bei Ihnen?

Eötvös: Bei Verdi geht es oft ganz konkret um die Singbarkeit der Wörter – und ähnlich war das auch bei uns. In der ersten Textvorlage gab es bei uns zwei Formen: Dialoge und freies Gedicht. Dialoge kann ich nicht über lange Zeit gut verwenden, das ermüdet schnell, dieses Tischtennis-artige Frage-Antwort-Spiel. Die freie Dichtung ist viel musikalischer, das erlaubt eine freiere Zeitgestaltung.

Ostermaier: Die erste Fassung hatte 140 Seiten, jetzt sind wir bei 40. Ansonsten hätten wir womöglich den „Ring des Nibelungen“ übertrumpft. Wir haben uns unter anderem darüber verständigt, was die dramatische Wucht und die notwendige Größe für ein Opernhaus wie dieses haben könnte. Ich muss einfach das ganze Spektrum eines Stoffes zunächst ausprobieren. Erst die große Strecke, dann immer mehr verdichten. Anders als manche Kollegen liebe ich es zu streichen.

-Ist der Teufel nur dazu da, dass er die menschliche Bosheit ans Licht bringt?

Ostermaier: Der Teufel hat mehrere Funktionen. Er lebt aus einem Kampf mit Gott. Ein Verführer. Er verführt dazu wahrzunehmen. Auch das zu sehen, was man nicht sehen will. Er ist also ein wichtiger Motor. Dadurch, dass der Teufel bei uns durch eine modernere Teufelin, durch Adams erste Frau Lilith abgelöst wird, kommt es zu einem neuen Versuch des Bösen. Und der macht, wenn er glückt, den Teufel überflüssig.

-Glauben Sie an den Teufel? Er  könnte ein gutes Marketing-Instrument der katholischen Kirche sein.

Ostermaier: Das trauen Sie sich einfach so zu sagen? (lacht)

Eötvös: In unserer Geschichte sagt Lilith: „Die größte List Gottes besteht darin, den Menschen glauben zu machen, es gäbe ihn nicht.“ Das gilt auch für den Teufel. Wenn es einen Gott gibt, dann gibt es auch den Teufel. Beide existieren nicht real, aber sie sind tief verwurzelte Gegenpole in unserem Bewusstsein. Wir haben in diesem Stück ohnehin die katholische Kirche fast ausgeblendet. Die ganze mystisch-historische Linie von der Schöpfungsgeschichte unter Einbeziehung von Lilith führt nicht zu den Religionen, sondern viel weiter. Für mich war etwas ganz neu: der Gedanke, dass sich die Schöpfung zyklisch wiederholt. Darauf bauen wir in dem Stück.

-Und wie halten Sie’s mit der Religion?

Eötvös: Sie ist ein grundlegender Faktor in der Geschichte der Menschheit. Ich sehe das unter historischen Gesichtspunkten.

Ostermaier: Ich war auf einer katholischen Klosterschule. Diese benediktinischen Spuren sind schon noch spürbar, auch im Widerstand dagegen. Wenn man wie ich in Bayern mit sinnlichen Barockkirchen aufwächst, in denen dramatische Szenen zu betrachten sind, kommt man zu einem eher erzählerischen, theatralischen Begriff von Religion. Deshalb spielt für mich die Institution mit ihrer Macht und Manipulation nur eine untergeordnete Rolle.

-Was passiert nach dem Fallen des Vorhangs? Sind Sie pessimistisch, was den Ausgang der Menschheitsgeschichte betrifft?

Ostermaier: Ich bin grundsätzlich optimistisch. Ich halte es mit dem wunderbaren Satz von Achternbusch: „Du hast keine Chance, also nutze sie.“ Das Stück endet mit einem neuen Versuch des Menschengeschlechts fortzubestehen. Und egal wie es ausgeht: Auch im Scheitern liegt eine große Poesie.

Eötvös: Unsere Kultur baut darauf, dass wir Nachfolger von Adam und Eva sind. Hier tut sich nun die Möglichkeit auf: Es könnten Adam und Lilith gewesen sein! Was bedeutet das für uns? Die Frage bleibt am Ende offen, ob Lilith ihr dämonisches Wesen behält oder aufgibt. Ursprünglich war sie ja kein Dämon, sondern zur Dämonie verurteilt. Nun könnte sie wieder Adams Partnerin werden – aber mit einer ganz großen Erfahrung.

Ostermaier: Und das heben wir uns für den zweiten Teil auf. (lacht)

-Sie, Herr Eötvös, haben durchs Dirigat die Kontrolle über die Premiere hinaus. Können Sie Ihr Baby leicht loslassen, Herr Ostermaier?

Ostermaier: Wenn man nicht loslässt, kann man sich nur erschießen. Eine Möglichkeit wäre, selbst Regie zu führen. Dann wird man aber zum Interpreten. Und man sollte doch eigentlich von seinem Werk abstrahieren. Heiner Müller meinte: „Die Texte sind klüger als die Autoren.“ Sie sind Material. Im Schauspiel ist es einfacher, da kann ich nach der Generalprobe noch eine Szene dazuschreiben. In der Oper liegt der Zeitpunkt des Abgeschlossenseins viel früher. Dann wird das Werk von verschiedenen Seiten beatmet, idealerweise an verschiedenen Orten in verschiedenen Interpretationen. Das nützt dem Werk nur.

-Brauchen Sie, Herr Eötvös, absolute Kontrolle? Daher auch das Dirigat?

Eötvös: Ich würde das nicht so nennen. Man kämpft sich durch. Besonders in finalen Probenphasen, in denen noch nicht alles fertig ist. Wenn Sänger noch mit Requisiten, vielleicht auch mit der Partitur kämpfen. Ich kann die beiden Funktionen als Komponist und Dirigent gut trennen. Das, was ich komponiert habe, höre ich während des Schreibens im Innern. Als ich hier erstmals das geteilte Orchester gehört habe, war ich beruhigt. Ich konnte mich also ums Dirigieren kümmern. Auch wenn ich noch einige Instrumentationsdetails verändere. Aber das ist vergleichbar damit, wenn ich sagen würde: „Etwas mehr Licht.“

-Wolfgang Rihm sagte einmal: Je älter er werde, desto weißer und damit voraussetzungsloser werde das leere Blatt, auf dem er zu Schreiben beginne.

Eötvös: Da kann ich nur zustimmen. Albert ist noch zu jung für so etwas...

Ostermaier: Na, na! Ich beginne erst mit dem Schreiben, wenn sich etwas in mir stark verdichtet hat. Andererseits will ich immer was total Neues erfinden und mich neu herausfordern. Da ist es schön, wenn das Blatt weiß ist. Sonst wird’s langweilig.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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