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Hätten sie mal auf ihre Frauen gehört: Kathleen (Tara Erraught, v.li.) und Robert Scott (Rolando Villazón) sowie Roald Amundsen (Thomas Hampson) und seine Landlady (Mojca Erdmann) zwischen toten Expeditionstieren.

Premierenkritik

Machos im weißen Rauschen

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Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper: "South Pole" krankt an zu großem musikalischen Aufwand, bietet dafür eine Starparade 

Allzeit bereit sind sie. Stehen unter Strom, sind furchtbar stark, einsame Streiter, wollen durch die Wand – egal, da hat Grönemeyer in seiner „Männer“-Analyse schon Recht, ob das Ergebnis nur ansatzweise mit dem Aufwand zu tun hat. Apollochens Mondfahrt, schenkt man der Nasa Glauben, brachte uns immerhin die Teflonpfanne. Doch an den ersten Fahrten zum Südpol, grausam schiefgegangen für den einen, nicht gerade persönlichkeitsfördernd für den anderen, fasziniert weniger das Wie, sondern eine ganz andere Frage: Warum tun Männer eigentlich so was? Zwei kurzweilige Stunden lang will dieses Stück also in der genau richtigen Wunde bohren: „South Pole“ erzählt weniger von den Geheimnissen der Erde, sondern von denjenigen, die immer glauben, sie müssten ihr welche entreißen.

Am Ende, nachdem sich alle Protagonisten erleichtert in die Arme fallen, ein Komponist ungläubig die Hände vors Gesicht schlägt und der Applaus nicht enden will, können sich die Verantwortlichen auf die Schultern klopfen. Sehr, sehr vieles hat die Bayerische Staatsoper bei dieser Uraufführung richtig gemacht. Das Amundsen-Scott-Duell als plakative Vorlage, zwei auf den Punkt besetzte Starsänger (hier ein Bariton als Brandungsfels, dort der gefährdete Tenorgrenzgänger), ein Dirigent, der auf frappierende Weise fast Undirigierbares organisiert, schließlich ein Regisseur, der Wesen und offene Flanken des Stücks altmeisterlich erkennt – besser, kulinarischer geht’s kaum.

Und der Komponist? Miroslav Srnka und seinem Textdichter Tom Holloway nach der Kammeroper „Make no noise“, 2011 im Beiprogramm der hiesigen Festspiele uraufgeführt, ein abendfüllendes Opus anzuvertrauen, war ein Risiko. Srnka ist anzumerken, wie begeistert er in die Vollen greift. Das Orchester im Graben hat mindestens Richard-Strauss-Ausmaße, dazu gibt es eine über Lautsprecher zugespielte Bühnenmusik. Der Antagonismus der beiden Antihelden spiegelt sich in der Musik wider. Nicht nur weil das Stück in exakt zweimal eine Stunde geteilt ist: Wer in die riesige Partitur blickt, sieht überall Symmetrie, vom knapp formulierten, lakonisch-konkreten Libretto über klangliche Ebenen und die Besetzung (Tenor-Quintett auf Seiten Scotts, Bariton-Quintett bei Amundsen) bis zum kleinsten Motiv.

Manchmal entsprechen sich die – übrigens recht bequem notierten Singstimmen – in parallel laufenden Strukturen oder sind kanonisch verschoben. Oft gibt es repetierende Bewegungen, so als ob sich die Männer immer wieder ihr Projekt einreden und bewusst machen müssen. Sechs Hörner im Off symbolisieren Scotts Ponys, ebenso viele Klarinetten Amundsens Hunde. Gebraucht werden unter anderem noch Kuhglocken, Marimbas und zwei Grammophon-Konserven: Caruso mit Bizets „Blumenarie“ und „Solveigs Lied“ von Grieg, diese Musik hatten die originalen Forscher tatsächlich dabei.

Die Komplexität verrät den fast besessenen Tüftler, aber das steht dem Opus auch im Wege. Viel zu viel geht unter. Aus Sicht der Theaterpraxis, mit Blick auf die Handlung, ist das eine ungewollte Pointe – Aufwand dominiert Wirkung. Srnka ist ein Zutatenkünstler, weniger einer, dem die fassbare Profilierung liegt. Obgleich sich die Musik im zweiten Teil ausdünnt, die innere Leere der Figuren quasi hörbar wird: Die Musik von „South Pole“ wird eher wahrgenommen als amorphe, irisierende, zuweilen irrlichternde Struktur. Eine Musik, die (und dann wird es auch sehr naturalistisch) quasi einfrieren kann, deren Aggregatszustand aber letztlich ungreifbar bleibt.

Angesichts des gewaltigen Instrumentalapparats braucht es Mikroports. Fürs flüsternde Sprechen werden die Stimmen deutlich, die meiste Zeit indirekt verstärkt, und am Ende, vielleicht weil Scott im Doppelsinn die Kondition ausgeht, ist die Technik ein gnädiger Helfer. Rolando Villazón kniet sich mit der ihm typischen Intensität in die Rolle hinein ohne Rücksicht auf Substanzverluste. Thomas Hampson zeichnet Amundsen in Gesang und Spiel als nachdenklichen, gern wie abwesenden Kalkulator, der seine Hybris („So wende ich mich gegen die, die ich liebe“) kalt auslebt. Dabei gestaltet Hampson mit einer Sicherheit, als ob er die Noten inhaliert hat – doch nicht nur er: Erst Dean Power, Kevin Conners, Matthew Grills und Joshua Owen Mills vom Scott-Team sowie Tim Kuypers, John Carpenter, Christian Rieger und Sean Michael Plumb auf Amundsen-Seite machen den Abend zur großartigen Vokalerfahrung. Und die zum Dramatischen reifende Tara Erraught (Kathleen Scott) plus Mojca Erdmann (Landlady) mit ihren Stratosphärentönen, beide als liebende, mahnende Visionen der Forscher präsent, ergänzen das nur.

Welche Last sich Kirill Petrenko mit dem Mega-Brocken aufgehalst hat? Nur erahnen lässt sich das. Als Lotse, der kontrolliert, vor allem aber befeuert, als einer, der das Bayerische Staatsorchester zum Spezialensemble für Neue Musik geformt hat, als einer, der nicht nur die Nase in der Riesenpartitur hat, sondern stets und unterstützend Kontakt zur Bühne hält, glückt Münchens Opern-GMD Verblüffendes. Und dass man das Geschehen dort oben ohne Spannungsverlust und interessiert verfolgt, ist auch Verdienst der Regie. Auf weißgreller, schattenloser, streng geteilter Einheitsbühne, deren Rückwand ein schwarzes Südpol-Kreuz dominiert, werden die Figuren schonungslos ausgestellt.

Hans Neuenfels mag den braven Ex-Berserker geben. Aber kühle Sachlichkeit und Zurückhaltung tun der komplizierten Partitur nur gut. Ebenso milde Witzeleien und ironische Brechungen, beginnend von flauschig weich fallenden Robbenfellmänteln, die Amundsen & Co. zu kernigen Steifftieren machen, bis zum putzig rauchenden Kettenfahrzeug der Scottler. Doch wer dieser Amundsen genau ist, wer dieser Scott, was sie bewegt, treibt und scheitern lässt – nur angedeutet wird das an diesem Abend. „Männer sind etwas sonderbar“, wie Herbie meint? Ganz schön viel Einsatz für eine solche Erkenntnis.

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