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Das steckt der Saal locker weg: Über 300 Mitwirkende wurden in diesem neunzigminütigen Oratorium beschäftigt.

Uraufführung in der Elbphilharmonie

Stapellauf fürs Themenfrachtschiff

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Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.

Ganz allein, mit Bauhelm und Gummistiefeln, habe er vor Monaten hier gesessen. Und was er gehört habe? „Die Stille.“ Und was ihm als Thema für den Mega-Auftrag gleich in den Sinn gekommen sei? „Eine Arche!“ Ein Konzertsaal als sakrales Zufluchtsgehäuse vor allem Unbill dieser Welt, die Musik, ach was: die Kunst als Rettung und Nahrung – große Texte braucht’s dafür. Unter dem Schöpfungsmythos und dem ebenso biblischen Hohelied, unter dem „Dies Irae“, Michelangelo (!) und dem von ihm verehrten Klabund tut es also Jörg Widmann nicht. Die erste große Uraufführung in der Elbphilharmonie: Andere wären davor in die Knie gegangen oder an ihrer eigenen Bedeutung betrunken geworden, der 43-Jährige, vor drei Jahren an der Bayerischen Staatsoper mit „Babylon“ aktiv, stellt sich dem Giga-Projekt. Unerschrocken, selbstbewusst, mit Chuzpe, auch, typisch Widmann, mit einer wohltuenden Dosis Humor.

„Arche“, im neuen Hamburger Wahrzeichen mit Standing Ovations gefeiert und von über 300 Mitwirkenden realisiert, ist also nicht nur große Themenwälzmaschine, sondern auch ein virtuoses Tänzeln durch den Supermarkt der Musikhistorie. Munter greift Widmann hie und da ins Regal, auch mal ganz unten hin, wo’s billiger ist und es nach Brettl-Lied klingt. Angerührt wird ein mehrheitsfähiger 90-Minüter, der geistreich und doppelbödig unterhält, satt, aber nicht fett macht und auch die Ränge gleich mitbespielt. Sopranistin Marlis Petersen taucht da zum „Liebe“-Teil auf, dem zentralen von fünf Abschnitten, tiriliert, gurrt und charmiert gar köstlich ihrem Gegenüber entgegen: Thomas E. Bauer darf eine Mixtur aus Liedersänger, männlicher Kassandra und Avantgarde-Ausgabe des „Fledermaus“-Eisenstein sein. Auch dies glückt dem Bariton ganz vorzüglich.

Verbogene, böse Karikatur von Beethovens „Chorfantasie“

Es gibt zwei sprechende Kinder als doppelte „Evangelisten“, einen harmonisch gewagten Choral, mal glimmt Schubert, mal glimmt Johann Strauß auf. Und eine Stelle gibt es, da ist Widmann am besten. Jene Schiller-Verse, die Beethoven nicht für seine neunte Symphonie verwendete, werden da aufgegriffen („Unser Schuldbuch sei vernichtet! Ausgesöhnt die ganze Welt!“) und vertont zu einer herrlich schrägen, bösen, verbogenen Karikatur von Beethovens „Chorfantasie“, auch „Kleine Neunte“ genannt.

Wie Widmann alle diese Einfälle, Aussagen und Anspielungen verknüpft, wie er Themen dreht und wendet, wie er mit Material jongliert, wie er Pathos und Dramatik aufwirft, um sich davon gleich wieder zu distanzieren, das ist wirklich gut. Dass der Komponist allerdings ausgerechnet nach der „Chorfantasie“-Verzerrung ein moralinsaures „Dona nobis pacem“ nachklappen lässt mit Kinderchor-Kanon und skandiertem Alphabet von „Apple“ bis „Website“, schmälert die Wirkung. Als ob Widmann sich (zu) spät seiner Position als mahnender Großkomponist bewusst wird und sich dabei an den Kopf schlägt: Mensch, wir müssen ja noch kritisch werden!

Ein Riesenensemble wie dieses bedienen zu können, auch das ist eine starke Sache. Audi Jugendchorakademie, Hamburger Alsterspatzen, Chor der Hamburgischen Staatsoper und Philharmonisches Staatsorchester werden von Kent Nagano gelotst. Und dies mit jener unaufdringlichen Selbstverständlichkeit, die den dortigen und früheren Münchner Generalmusikdirektor für solche XXL-Formate der Moderne prädestiniert. In der Elbphilharmonie kann sich „Arche“ majestätisch entfalten. Im akustisch hervorragenden Block E gegenüber dem Podium lässt sich selbst im dicksten Getümmel alles orten. Man staunt, wie Klänge durch die Chöre wandern, wie sich ein Bläsersolo behauptet, wie Widmanns kompositorische Schichten auch in der ersten Konfrontation sofort erlebt werden können.

Als habe Jörg Widmann die Akustik vorausgeahnt

Anders als weiter oben hat der Klang hier etwas mehr „Unterleib“, können zum Beispiel die Kontrabässe mehr Sonorität entfalten. Trotzdem bleibt der Eindruck des Eröffnungstages: Diese Akustik verkleistert und beschönigt nichts. Klar, puristisch, in allen Details entfaltet sich das musikalische Geschehen, wird allerdings, und das unterscheidet den Hamburger Saal eben doch von vielen ähnlich gepolten, nie entblößt oder nackt dargestellt.

Jörg Widmanns „Arche“ klingt folglich so, als habe der Komponist die Akustik vorausgeahnt. Massenunternehmungen wie diese, das werden demnächst auch Mahlers „Symphonie der Tausend“ oder Schönbergs „Gurre-Lieder“ zeigen, steckt der Saal locker weg. Ein Riesenerfolg, unhanseatischer Viertelstunden-Jubel, ein gerührter Komponist und ein lästerlicher Gedanke: Eigentlich war das doch der passende Einweihungsabend, nicht der Kessel Buntes mit Präsidenten- und Bürgermeister-Beilage zwei Tage zuvor.

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