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Wettlauf zum „South Pole“: Thomas Hampson (re.) singt die Partie des Roald Amundsen – hier mit einem Expeditionsmitglied.

"South Pole" an der Bayerischen Staatsoper

"In der Antarktis ist es ja nicht still"

München - Komponist Miroslav Srnka über seine Oper „South Pole“, die an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt wird

Das Dirigentenpult sticht einem sofort ins Auge. Das riesige Holzbrett, an dessen Seiten zwei Minikameras auf Stativen installiert sind, erinnert ein wenig an die Kontrollzentrale eines Raumschiffs. Was man nicht alles extra bauen muss für die neue Oper „South Pole“, die an diesem Sonntag im Münchner Nationaltheater herauskommt. Die vom tschechischen Komponisten Miroslav Srnka (Jahrgang 1975) angefertigte Partitur misst über einen halben Meter und ist stolze acht Zentimeter höher als die von Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“.

Dies soll aber nicht heißen, dass es für zeitgenössische Komponisten darum geht, wer die Längste hat. Vielmehr ist die Größe der Tatsache geschuldet, dass Srnka die Instrumente des Orchesters oft solistisch behandelt. Stellenweise gibt es 100 eigenständige Stimmen, die als bewegte Klangwolke fungieren. „In der Antarktis ist es ja nicht still, trotz der Einsamkeit“, sagt Srnka. „Im Gegenteil, gerade dort wird die Geräuschkulisse der Naturgewalten richtig hörbar.“

Petrenkos überirdisches Gehör

Ein Werk wie gemacht also für den Präzisionsfanatiker Kirill Petrenko und sein ans Überirdische grenzendes Gehör. Für ihn wird „South Pole“ die erste abendfüllende Opernuraufführung seiner Karriere sein. Doch warum „South Pole“? Das Werk beschäftigt sich mit dem legendären Wettlauf des britischen Offiziers Robert Scott mit dem norwegischen Polarforscher Roald Amundsen zum Südpol in den Jahren 1910 bis 1912. Aber was sagt uns dieses über 100 Jahre zurückliegende Ereignis heute? Filme aus dem Extremsportbereich, meist finanziert von „gehörnten“ Brauseherstellern, sowie Hollywood-Blockbuster verfolgen uns seit Jahren mit Geschichten über Einsamkeit, über Kämpfe gegen sich und mit der Natur in rauen klimatischen Bedingungen. Gibt es da nicht aktuellere, brisantere Themen heutzutage, die eine kulturelle Auseinandersetzung geradezu herbeischreien?

Lange um das Thema gerungen

Der jugendlich-sportlich wirkende Srnka hat sich die Wahl des Sujets für das Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper nicht leicht gemacht: „Wir haben lange überlegt, ob wir nicht einen literarischen Stoff als Vorlage nehmen, zum Beispiel von Thomas Mann, Elfriede Jelinek oder Haruki Murakami. Das Problem war aber, dass uns dort die dramatischen Verbindungen zur Opernbühne fehlten.“ Wir, das sind Srnka selbst sowie sein Librettist, der australische Schriftsteller Tom Holloway. Beide sind ein eingespieltes Team seit ihrer ersten Zusammenarbeit zur Oper „Make no Noise“, die 2011 im „Pavillon 21“ der Staatsoper uraufgeführt wurde. Nach diesem Erfolg lud Intendant Nikolaus Bachler die beiden für eine neue, „große“ Oper ins Nationaltheater ein. Alle drei haben lange miteinander um das richtige Thema gerungen. Beim passionierten Wanderer Miroslav Srnka verfestigte sich die Idee zu „South Pole“, als er Literatur rund um Ernest Shackleton, als britischer Polarforscher ein Rivale Robert Scotts, las. Außerdem hatte er ein persönliches Erlebnis auf einer Winterwanderung im heimischen Riesengebirge. „Ich erkannte, dass diese Landschaft aus Schnee und Eis etwas sehr Stilisiertes hat. Da wusste ich, dass ,South Pole‘ ein gutes Opernthema ist. Die Oper ist ja eine höchst stilisierte Kunstform.“

Herausforderung für Augen und Ohren

Vielversprechend klingt Miroslav Srnkas musikalischer Zugang. Die Titelfiguren Amundsen, gesungen von Thomas Hampson, und Scott, dem Rolando Villazón seine Stimme leiht, werden jeweils von einem Team flankiert, das aus fünf Baritonen bei den Norwegern und fünf Tenören auf britischer Seite besteht. Da beide Gruppen gleichzeitig unterwegs waren, finden auch auf der Bühne zwei Geschichten mit zwei Handlungen zugleich statt. Nicht nur szenisch, wobei sie in der Inszenierung von Altmeister Hans Neuenfels in einem kühlen, klaren, weißen Bühnenbild durch einen Balken voneinander getrennt sein werden, sondern auch musikalisch, quasi als Doppeloper. Text und Musik, die Srnka mehrschichtig, teils voneinander gelöst und unabhängig von Zeitmaß und Rhythmus komponiert hat, laufen also parallel ab. Deshalb wird es für beide Seiten eine eigene Übertitelanlage geben, damit die Zuschauer dem Geschehen besser folgen können. Eine reizvolle Herausforderung also für Augen und besonders Ohren.

Auch im Vorfeld konnte man ja schon seine Sinnesorgane für die Premiere stimulieren. Die Staatsoper hatte sich mächtig ins Zeug gelegt mit ihrem Rahmenprogramm. Und Lust auf „South Pole“ macht vor allem Librettist Tom Holloway, indem er verspricht: „Es wird, durch die vielen menschlichen Konflikte, viel Action geben. Und auch Humor!“

Maximilian Maier

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