PREMIERENKRITIK

Callas-Projekt an der Bayerischen Staatsoper: Jessas Marina

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Eine 90-minütige, problematische Diven-Beschwörung: Marina Abramović spiegelt sich in Maria Callas.

München - Bei Nummer sechs kippelt die Angelegenheit. Wieder eine singende Frau im grauen Kittelkleid, wieder rechts das belegte Bett mit dem schlummernden Star, wieder ein Riesen-Video, in dem Marina Abramović dieses Mal Spiegel in Zeitlupe zerdeppern darf. Doch plötzlich kann sich die Raserei nicht mehr behaupten gegen die Musik, denn da steht Adela Zaharia. Die Sopranistin, 2017 Siegerin des Operalia-Wettbewerbs, ist im Ensemble der Düsseldorfer Oper und gestaltet eine großartige Wahnsinnsszene aus „Lucia di Lammermoor“. Vollkommen bei sich, vollkommen kontrolliert und innig, mit dunklem, weitem, geschmeidigem Sopran. Und es scheint, als ob eine 90-minütige Geisterbeschwörung mit wenigen live gesungenen Tönen verpufft.

Alles wieder zu beginnen nach den Corona-Entbehrungen, den Neustart wagen mit dem Diva-Prototyp der Opernhistorie, das hat etwas für sich. Und war ja, man weiß es, ganz anders geplant. „7 Deaths of Maria Callas“ von und mit Performance-Ikone Marina Abramović sollte am 11. April herausgebracht werden. Alle Anstrengungen der Bayerischen Staatsoper, alle Überdehnungen der Corona-Regeln halfen nichts. Während die koproduzierenden Häuser in Berlin, Florenz, Athen und Paris also dringend warteten, fanden die Münchner den letztmöglichen Zeitpunkt – die Eröffnung einer erneut gezausten Spielzeit vor immerhin nun 500 Besuchern. Ein Drama, auch das passt.

Das Nationaltheater als Kino

Unendlich viel Kluges ließe sich sagen über die Callas und die Abramović – und wurde ja auch getan, in Essays und Interviews. Über ihre nicht nur äußerlichen Ähnlichkeiten. Über die Unbedingtheit und Radikalität ihres Wirkens, über ihre Grenzgänge, über ihren produktiven Narzissmus. Und viel ließe sich auch fragen, ob die Parallelen wirklich so stark sind: ob hier nicht ausgestelltes Leben und Schmerz der Callas auf ausgestellten Kunst-Schmerz einer Performerin trifft. Ob das Versehrte, das einer Diva immer eigen ist, bei Abramović doch „nur“ von außen kommt und inszeniert ist. Ob hier ein Projekt die Intensität einer Ikone „nur“ anzapft, sich ihrer bedient.

Aber dann nimmt man – endlich – im Nationaltheater Platz und sitzt im Kino. Sieben Opernszenen, live musiziert, dazu ihre Weitertreibung in Filmen. Ein Sturz vom New Yorker Wolkenkratzer bei „Tosca“, die Würgeschlange um den Hals bei Desdemonas „Otello“-Gebet, das Schreiten über eine Ebene ins Feuer zum „Casta Diva“ aus „Norma“ oder der Gang übers verseuchte Gelände zu „Madama Butterfly“, an dem offenbar US-Giftgas schuld ist. Das sind teils grandios fotografierte, stumme Zeitlupen-Szenen, in denen regelmäßig Kitsch-Alarm ausgelöst wird und die Gesichtslandschaft des mitwirkenden Willem Dafoe jedes Bühnenbild ersetzt.

Alles bleibt nur Kino-Kommentar der Opern-Schnipsel, eventuell noch Denkanstoß für Regie-Konzepte. Eine Verbindung zur Callas? Erschließt sich nur ansatzweise – zumal auch das Rollen-Portfolio nicht stimmt. Norma, Tosca, Lucia, mit Abstrichen Violetta, damit wird die Diva ewig identifiziert werden. Doch Desdemona? Die Carmen nahm die Callas erst ins Repertoire auf (und auf Platte), als sich die Stimme nurmehr in Mezzo-Regionen bewegen konnte. Abgesehen davon ist die „Habanera“ ein Hit, aber keine Todesszene, geschweige denn -ahnung. Was Abramović dagegen entgangen ist: Cherubinis „Medea“, die ohne die Callas ein Liebhaberstück für Archivare geblieben wäre.

Tod in der Pariser Callas-Wohnung

In der achten Szene gibt es Abramović endlich live. Als gerade erwachte Frau, die durch die penibel nachgebaute Pariser Callas-Wohnung wandelt, es war ihre letzte Zuflucht. Marko Nikodijević schreibt dazu eine Musik, in der sich Emotionen abbilden mit phonstarker Drastik. Seine raunenden Verbindungsklänge zwischen den Original-Arien gibt’s nur vom Band, in der Dur-verliebten Ouvertüre lässt er Bellini, Donizetti & Co. wetterleuchten. Dirigent Yoel Gamzou hält das alles gut zusammen, gestattet sich in den Arien manche Manierismen.

Gesungen wird von den sieben Sopranistinnen hochachtbar bis hervorragend, das Bayerische Staatsorchester (im weit nach vorn gezogenen Graben) findet sich in der ungewohnten Aufgabe gut zurecht. Irgendwann schreitet die Abramović ins Nebenzimmer, die sieben Kittelsängerinnen putzen den Raum, verhängen alles mit Trauerschleiern. Ein letztes Mal kehrt die Performerin in Goldglitzer-Robe wieder, und endlich wird es magisch: als „Casta Diva“ erklingt, von der Callas gesungen, und das Orchester leise live dazu spielt. Vergangenheit und Jetzt mischen sich auf irritierende Weise. Und doch spürt man, dass Marina Abramović mit dem Genre fremdelt, im Kulinarischen gefangen bleibt. Dankbarer Jubel eines auf Opern-Diät gesetzten Publikums. Der Abend ist ein Sieg – für die unfassbare Callas.

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