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Ein Dichter auf dem Weg in den Irrsinn: Der bestechende Christian Gerhaher als Nikolaus Lenau .

PREMIERENKRITIK

Eine Oper für Christian Gerhaher: Wetterleuchten im Notenschädel

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Ein Dichter driftet ins Dunkle, Haltlose: Heinz Holligers Oper „Lunea“ über Nikolaus Lenau, uraufgeführt in Zürich, ist trotz Theorieballast erstaunlich suggestiv. Bedanken darf er sich dafür auch bei einem grandiosen Christian Gerhaher.

Zürich - Womöglich waren sie nie für ein großes, geformtes Werk bestimmt. Tagebuchnotizen, Vers-Splitter, Eingebungen, geschrieben auf Blätter – und bei vollem Bewusstsein. Ein paar Jahre, bevor ein Schlaganfall für zunehmende Kurzschlüsse sorgte im Hirn von Nikolaus Lenau (1802-1850), durchbrach er die biedermeierliche Weltschmerzwelt seiner Dichtungen. Der literarische Gang ins Dunkle, Haltlose mittels dieser hinterlassenen Blätter, dem bald ein biografischer in den Irrsinn folgen sollte: Warum das wohl noch kein Opernmacher aufgegriffen hat?

Mindestens drei gehören ja dazu. Ein Komponist, hier der verschmitzte Schweizer Staatstonschöpfer Heinz Holliger, den Lenau und all die anderen am Leben Scheiternden wie Hölderlin und Schumann schon lange umtreiben. Dazu ein Regisseur und Ermöglicher, der Zürcher Intendant Andreas Homoki, der sich von der Komplexität des Stücks nicht anstecken lässt, sondern reduziert, verdeutlicht, beim Zuhören hilft. Vor allen anderen aber ein Sänger, der sich nicht nur dieser Dichterfigur aussetzt, sondern auch einer Partitur, die von gehechelten „Ch“-Lauten übers Deklamieren bis zu extremen Höhenflügen alles verlangt.

Dass Opern für Sänger geschrieben werden, ist selten geworden. Man denke nur an Aribert Reimanns „Lear“ mit Dietrich Fischer-Dieskau, uraufgeführt 1978 in München. Eine Solisten-Hommage, die in dieser Kategorie turmhoch aus dem 20. Jahrhundert herausragt. Umso größere Aufmerksamkeit verdient die Zürcher Uraufführung mit Christian Gerhaher. Aufs Gebrochene ist dieser extremistische Zweifler abonniert, dessen Interpretationen ja nie von warmem Sonnenlicht beschienen sind. Mozarts „Figaro“-Graf hat er am Münchner Heimathaus als präpotenten Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs vorgeführt. Wagners „Tannhäuser“-Wolfram als Innenschau am Rande des Jenseits. Lieder von Schubert und Mahler, Bergs „Wozzeck“ (ebenfalls in Zürich) und nun Nikolaus Lenau, all das passt also.

Keine Handlung, dafür 23 surreale Schlaglichter

Holligers 23 Lenau-Klavierlieder hat Gerhaher schon 2013 uraufgeführt, die Oper „Lunea“, ein Anagramm des Dichternamens, ist nun Vertiefung und Erweiterung auf 100 pausenlose Minuten. Wer sich vorab mit dem Werk beschäftigt, fürchtet Schlimmes: keine Handlung, dafür 23 surreale Schlaglichter, zu denen Librettist Händl Klaus die Blätter Lenaus und andere Zitate arrangierte. Dazu noch Zeitsprünge und Überlagerungen. Die Vorliebe für Spiegelstrukturen, die sich ausprägt in der Gesamtanlage, aber auch im Detail. Das Zitieren vom Choral über barocke Arie und Lenaus Vorliebe fürs Geigenspiel bis zu Romantizismen. Oder die Komplexität der Stimmenverläufe im Mikrokosmischen. Sogar das Zusammenfassen mehrerer Figuren zu einer und umgekehrt.

Und dann sitzt man im Zürcher Opernhaus und wundert sich. Trotz Kalkül, trotz Prämissenschweiß ist „Lunea“ ein sehr suggestives Werk geworden. Natürlich liegt das an Christian Gerhaher, dessen Gesang Grenzen streift, aber nie Entäußerung wird. Die Auflösung des Textes bis zum Nachschmecken der Silben (und bis zum Widerhall im Orchester und im Chor der Basler Madrigalisten) kommt seiner Kunst ohnehin entgegen. Hier, in der Analyse von Klang und Text, fühlt er sich am wohlsten – ob bei Schubert oder nun eben bei Holliger. Der wiederum glänzt in „Lunea“ als ein Meister der Ökonomie, Tonloses, Geräuschhaftes inklusive. Alle Zutaten, fast alle Verläufe und Verzahnungen sind tatsächlich hörbar. Was für eine glückliche Verbindung von Theorie und Wirkung, Dickicht und Durchsichtigkeit.

Auch Holligers Spiel mit der Zeit funktioniert. Manches beschleunigt sich ins Exaltierte, anderes wiederum ist Dehnung bis zum Stillstand und zur Umspielung eines einzigen Tones. Sogar die vertrackte Figurenkonstellation versteht man. Lenau, der Mann zwischen den Frauen: hier die verheiratete Sophie, mit der er in erotischer Abhängigkeit verbunden war – was sie Rivalinnen gegenüber wie der Sängerin Karoline Unger oder der von ihm beinahe geheirateten Marie Behrends ausspielte. Und dort die Schwester Therese, deren Mann Anton Schurz zum Lebenshelfer, bei Holliger sogar zum Alter Ego wird.

Biedermeier-Menschen im dunklen Bühnenwürfel

Regisseur Andreas Homoki und Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann nehmen sich dafür sehr zurück. Nur einen offenen Würfel gibt es. Langsam ziehen vor diesem schwarze Blenden vorbei, die 23 düstere, mit Biedermeier-Menschen (Kostüme: Klaus Bruns) arrangierte Szenen freigeben. Ab der Mitte des Stücks, ab Lenaus Schlaganfall, den er selbst als „Riss“ bezeichnete, kehrt sich die Bewegung um. Verblüffend, wie geräuschlos diese Wechsel klappen – auch die Bühnentechnik läuft hier zur Höchstform auf.

Neben Gerhaher bewegt sich Juliane Banse erstaunlich sicher durch die Partitur. Die Sophie gibt sie als Domina, die Wärme – auch vokal – nur als Kalkül einsetzt. Sarah Maria Sun (Marie/ Karoline) wird von Holliger gern in eisige Höhen geschickt. Der Meister höchstselbst steht am Pult, als Koordinator und freundlicher Animateur der Philharmonia Zürich. Wie sehr das Stück bannt, dieses Wetterleuchten aus Hirn und Biografie eines Dichters, merkt man nicht nur am Schlussjubel. Kaum Husten, 100 Minuten fast ohne Nebengeräusche. Ein Erfolg für den Komponisten und seinen bestechenden Interpreten. Und ein noch größerer vielleicht für den Auslöser – wie dringend man sich mit Lenau auseinandersetzen sollte, auch davon erzählt „Lunea“.

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