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Caroline Peters als Bürgermeisterin Schaad in „Die  Empörten“. 

SALZBURGER FESTSPIELE

Versteckte Leiche

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Caroline Peters brilliert bei der Uraufführung von Theresia Walsers  Politsatire „Die Empörten“ bei den Salzburger Festspielen

Salzburg - „In Kürze sind Wahlen!“ Das ist der Schreckensruf jedes Politikers – vor allem, wenn etwas Unangenehmes passiert. Und was kann es Wahlerfolg-Schädlicheres geben als einen Bruder, der als Amokläufer, Attentäter oder als chaotischer Pizzabote in der Fußgängerzone einen Menschen totgefahren und zehn verletzt hat und selbst dabei draufgegangen ist? Für Bürgermeisterin Schaad nichts. Schließlich hat sie als flüchtlingsfreundliche Politikerin sowieso schon mit massiver Empörung zu kämpfen, die sich nicht nur in Fäkalien manifestiert, die man ihr zuschickt, sondern auch in extremen und antisemitischen Morddrohungen.

Für Theresia Walser ist das der Konflikt-Nährboden, aus dem sie ihr jüngstes Drama, „Die Empörten“, zu einer schwarzhumorigen, bisweilen surrealen Politkrimi-Komödie raffiniert hochgezüchtet hat. Das Stück wurde am Sonntagabend bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Koproduziert ist es mit dem Schauspiel Stuttgart.

Obwohl die Autorin ein deftiges Lustspiel – Obacht, die Leiche in der Truhe kann jederzeit entdeckt werden! – mit prächtigem Schauspielerfutter serviert, zeichnet sie nichts in Schwarz und Weiß. Die Überraschungen in dieser detailreichen Groteske stecken nicht im Entdeckt-Werden, sondern im Aufdecken: dass kein Mensch, keine Meinung, keine Weltanschauung so ist, wie es erster Eindruck oder gar Vorurteil glauben machen. Walser führt ihr Publikum mit den „Empörten“  auf  einen  Pfad,  der erst richtig scheint, dann ständig neu gesucht oder sogar frisch angelegt werden muss. Das ist sehr klug und dabei sehr witzig, überhaupt nicht zeigefingernd und bietet als Schmankerl eine herrliche Worterfindungsfantasie von den „großmännischen Eintagsfliegensprüchen“ bis zur „islamophoben Provinzhyäne“.

Burkhard C. Kosminski, Intendant des Schauspiels Stuttgart und vielfach erprobter Walser-Interpret, hat die Inszenierung der Uraufführung übernommen. Man merkt  ihr  von  der  ersten Sekunde im Salzburger Landestheater an, dass sie ganz auf Theresia Walsers Kunst ausgerichtet ist und dass die Autorin ihrerseits ihr Werk dem Stuttgarter Team auf den Dramenleib geschrieben hat. Niemand versucht, eine Selbstverwirklichungsshow abzuziehen. Florian Etti hat Kosminski ein dunkel getäfeltes Rathauszimmer gebaut mit Glaswand hinten und Durchblick nach draußen. Die traditionsreiche Stadttruhe, in der sich angeblich schon Martin Luther versteckt gehalten hatte, ist eine trostlose Kiste. Dass Schaads Referent Pilgrim sie in Django-Manier in den Saal der Trauerfeier ziehen will, passt darum und vor allem wegen des Rassismusthemas als finsteres Scherzchen (von vielen).

Dieses Gedenken wiederum ist ideal für die Wahlkämpferinnen Corinna Schaad und Elsa Lerchenberg. Sie möchte ihre rechtsradikale Partei an die Macht bringen. Trotz all dem sollen die Auftritte vor großer Öffentlichkeit, Würdenträgern und Opfern dezent und angemessen sein. Schaad kämpft also an mehreren Fronten, wobei ihre fehlenden Schuhe das kleinste Problem sind. Schwieriger ist es, Bruder Anton zu beruhigen, der beim Leichenraub von Bruder Moritz geholfen hat, aber nun auf eine echte Beerdigung besteht.

Das ist der letzte Rest im Stück, der an „Antigone“ erinnert. Angesichts des Festspiel-Mottos „Echo der Mythen“ hatte sich Walser bei der Salzburger Auftragsarbeit für den Realpolitiker Kreon interessiert. Dessen Beziehung zu Antigone steckt noch ansatzweise im Geschwisterstreit Corinna und Anton. Neben diesem zickigen, verschrobenen Sensibelchen, das dennoch treu zu ihr steht, ist die Lügennebelwerferin Elsa („Die Heere der Beschnittenen, die uns den Mutterboden penetrieren.“) schwerer in Zaum zu halten. Doch die Altbürgermeisterin duckt sich weder weg, noch passt sie sich der Rassistin an, die aus linksradikalem Haus kommt und Koransuren lernt -- kann einen ja vor der Hinrichtung retten.

Klar, Politikerin Schaad lässt schon mal „was verschwinden“, im Gegensatz zu Lerchenberg und Pilgrim ist sie jedoch keine Opportunistin. Auch der Referent läuft aus dem Ruder, weil er erkannt hat, dass in ihm ein Faschist steckt – da hilft das Kruzifix nicht. Und weil die „Unheimischen“ diese Erkenntnis aus ihm herausgeholt haben, hasst er sie. Selbst mit der Opferwitwe Sana Achmedi hat’s die Bürgermeisterin nicht leicht, weil ihr die Frau die Meinung geigt; ihr Wohnblock musste der Industrie weichen.

Caroline Peters ist als Schaad das komödiantische Herz der Aufführung, aber auch das menschliche – trotz aller schwarzhumorigen Rotzigkeit. Sie kann Pointen servieren, als würde sie Feydeau Tag und Nacht spielen, doch nie als Selbstzweck. Sven Prietz macht aus dem Anton mehr, als Walser in die Figur hineingeschrieben hat. Dafür könnte Silke Bodenbender ihre AfD-Karikatur mehr schillern lassen. André Jung kostet den Skurril-Auftritt seines Pilgrims fast zu sehr aus. Und Anke Schubert schildert ihre Frau Achmedi kernig als Vernünftige, Tolerante – und Intolerante. Schwarz-Weiß gibt es eben nicht!

Herzlicher Applaus, ein Buh für Theresia Walser.

Weitere Aufführungen

bis 29. August;
Tel. 0043/662/80 45-500.
Premiere in Stuttgart am
19. Januar 2020.
Das Drama „Die Empörten“ ist in einer vorläufigen
Fassung in dem Sammelband „Morgen in Katar“
erschienen, Rowohlt, Hamburg, 526 Seiten; 20 Euro.

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