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Zum glücklichen Finale regnet es Stundenblumen: Momo (Anna Woll) auf ihrer Freundin Kassiopeia.

PREMIERENKRITIK

„Momo“ am Gärtnerplatztheater: Ritt durch den Uhr-Wald

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Auch nach 45 Jahren ist Michael Endes Jugendbuch „Momo“ noch aktuell. Wilfried Hiller strickte daraus ein Musiktheater - und bekommt ein Zeitproblem. Hier die Kritik der Uraufführung. 

München - Nehmen wir nur die Gemütlichkeit. Wie viel Zeit es früher brauchte, bis die sich einstellte. Nachmittage, Abende, Nächte mussten in Wirtshäusern verbracht werden, „bis sich diese Gemütlichkeit zäh, sirupartig zu einem Zenit entwickeln konnte“. Die heutige „Instant-Griabigkeit“ dagegen, so spricht Gerhard Polt – ein Graus. Wie sich also Zeit für die Zeit nehmen? Michael Ende schrieb vor 45 Jahren mit „Momo“ erfreulich moralinfrei gegen das Grundproblem an. Doch seine Heldin, da liegt der Jugendroman schief, hat mitnichten gewonnen: Die Kinder von damals sind heute graumäusige Controller, die übers funktionierende, zu optimierende Menschenräderwerk wachen.

Gerade deshalb sollte man sich das Buch ja immer wieder vornehmen. Komponist Wilfried Hiller, seit dem „Goggolori“ von 1985 eine Art Gärtnerplatz-Hausheiliger, tut es zum dritten Mal. Nach einer Version fürs Puppentheater und für eine Freiluft-Produktion in Garmisch-Partenkirchen nun also, unterstützt von Librettist Wolfgang Adenberg, ein „Musiktheater in 18 Bildern“ für Münchens Volksoper. Sehr kinderfreundlich ist es, wie die Uraufführung zeigt. Gute zwei Stunden inklusive Pause, mehr Sprechen als Singen, fassbare musikalische Formen ohne Verstörungsgefahr plus eine gut konsumierbare Häppchenstruktur: Sobald sich etwas zur Nummer verdichtet, ist es auch schon wieder vorbei.

Meister Hora ist kein Gandalf-Greis, sondern Tänzer

Der Abend spannt sich zwischen Poesie (in den Solo-Bläser-Einleitungen der beiden Teile) bis zur Parodie: Gigi, Momo-Freund und Fremdenführer, wird von Hiller eine Schlagernummer beschert. Die Puppe Bibigirl, ein vergiftetes Geschenk der Grauen Herren an Momo, zitiert Offenbachs Olympia. Und Grauer Herr Nummer eins versteigt sich gern in stratosphärisches Gekeife, Sopranistin Ilia Staple macht das ausnehmend gut. Die Schlagwerker werden vom Orff-Schüler gewohnt viel beschäftigt, zum Verticken der Zeit passt das bestens. Am ambitioniertesten wird es aber, wenn Hiller das Buch hinter sich lässt. Meister Hora ist kein Gandalf-Greis, sondern ein Tänzer, dessen Worte vom unsichtbaren Chor kommen. Klangmagie verströmt das – auch, weil sich Hiller dafür einige Partiturseiten gönnt.

Ein wenig leidet seine „Momo“ nämlich unter dem Problem, das eigentlich angeprangert wird. Man merkt dem Stück an, dass es Strecke machen muss. 300 Romanseiten, die wollen erst einmal hineingepresst sein in ein Musiktheater. Der Trick: Gigi ist anfangs ausgiebiger Erzähler, darf zum Schluss aber nur ein altbackenes „Ende gut, alles gut“ zerkauen. Entsprechend gut geölt ist die Regie von Nicole Claudia Weber. Ein handwerklich gekonntes Arrangement, der Abend ist mehr Musical als eine oft verweilende Oper. Wenige Versatzstücke markieren Momos Amphitheater, die Bühnenbildner Karl Fehringer und Judith Leikauf schaffen da ein flexibles Arrangement, das sich schnell zu Horas Uhren-Palast oder in den Zeitspeicher der Grauen Herren verwandelt, der aus der Unterbühne steigt.

Das Stück wird der Vorlage nicht ganz gerecht

Dirigent Michael Brandstätter fügt Hillers Versatzstücke mit dem Gärtnerplatzorchester versiert zum Klangbilderbogen zusammen. Rhythmisch Vertracktes gelingt auch im Chor wie selbstverständlich. Fast durchweg gibt’s hauseigene Luxusbesetzungen, an der Spitze Maximilian Mayer als tenorgelenkiger Sonnyboy Gigi. Dank Holger Ohlmann wird Straßenkehrer Beppo zur bassprofunden Vaterfigur, Matteo Carvone tanzt Meister Hora als Wesen aus einem Zwischenreich. Momo, die so gut zuhören kann, darf folgerichtig nur sprechen: Anna Woll gestaltet das sehr natürlich, ohne sich in den Vordergrund zu schieben.

Dass sich vom Zauber dieses Besonderlings mehr mitteilen könnte, liegt nicht an ihr. Warum die Kinder- und Erwachsenenwelt so an Momo hängt, weshalb ein auf den ersten Blick passives Wesen zum Erzfeind der Zeitdiebe wird, das geht bei Hillers Ritt durch den Roman verloren. Unbestreitbar ist seine „Momo“, auch dank der Regie, eine Aufführung, die gefällt. Nicht nur Michael Endes Erstlesern, auch dem Nachwuchs anno 2018, der abgeholt wird für ein spannendes Theatererlebnis. Doch ob das Stück der Vorlage und ihrer so aktuellen Themenwelt wirklich gerecht wird? Abhilfe verspricht nur eines: die gemütliche Lektüre.

Die Handlung
In einem alten Amphitheater lebt das Mädchen Momo, das gut zuhören kann und in dessen Gegenwart alle Lebensfreude genießen. Die Grauen Herren bekämpfen dies und wollen die Menschen dazu bringen, Zeit zu sparen – weil die Unholde diesen Rohstoff brauchen. Dank Schildkröte Kassiopeia begegnet Momo Meister Hora, der die Zeit der Menschen verwaltet und Hauptfeind der Grauen Herren ist. Es kommt zum Kampf – die Menschen erhalten ihre Zeit zurück.

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