"So ein urdeutsches Stück"

"Homburg" in den Kammerspielen: - "Für mich ist Homburg kein Held. Für mich ist er ein Poet, ein Träumer." Das sagt Johan Simons, der Holländer. An den Münchner Kammerspielen inszeniert er Heinrich von Kleists Schauspiel "Prinz Friedrich von Homburg", und schon im Vorfeld imponiert der Regisseur mit seiner sympathischen, fast möchte man sagen arglosen Offenheit. Diesen Samstag ist Premiere. In der Titelrolle: Paul Herwig.

Nein, lacht Simons, es sei nicht seine Idee gewesen, das Drama um Brandenburgs Prinzen zu inszenieren, um jenen Jüngling, der sich als Soldat dem Befehl des Großen Kurfürsten, seines Onkels, widersetzt und gerade dadurch für ihn die Schlacht gewinnt, der aber für seinen Ungehorsam das Todesurteil erhält und nicht daran denkt, Begnadigung zu erbitten.

"Die Idee, dass ich dieses Stück machen sollte, kam von der Intendanz", sagt Simons. Und gesteht, dass er überhaupt ganz lange den Namen falsch ausgesprochen habe: "Honberg statt Homburg. Nach der Lektüre habe ich mich dann doch gefragt, ob ich als Holländer so ein urdeutsches Stück überhaupt vermitteln darf." Aber er habe gleich die Schönheit der Kleist‘schen Sprache gespürt. Dann habe er zu Hause eine holländische Übersetzung des "Homburg" gelesen und sich in dieses Stück total verliebt. Johan Simons hört gar nicht mehr auf zu schwärmen. So kann er gut nachvollziehen, dass wir Deutschen den Dichter Kleist als unseren größten, bedeutendsten Dramatiker lieben.

"Was ich so schön an Kleist finde: Jede Szene dieses fünfaktigen ,Homburg’ ist eigentlich ein Stück für sich. Heutzutage ist es doch bei den meisten Schriftstellern so, dass ihr bisschen Stoff nicht einmal für einen Abend langt. Kleist schafft in einer Szene das, wofür andere Leute ein ganzes Stück brauchen."

Und noch etwas beeindruckt den Mann aus Holland: "Die Sprache Kleists ist größer als die Figuren. Das ist etwas, was man nicht mehr kennt. Das hat mich getroffen, dazu muss man ein Verhältnis bekommen. Obwohl ich", sagt der perfekt Deutsch sprechende Simons herrlich uneitel, "natürlich niemals den Kern der deutschen Sprache verstehen werde, auch wenn ich noch zehn Jahre lang Kurse am Goethe-Institut nähme." Doch selbstbewusst fügt er hinzu: "Ich kann aber sehr gut die Musikalität der Sprache spüren. Und die Sprache ist hier das Wichtigste."

Doch gehe es in diesem Stück, das Simons in einer auf sechs Personen reduzierten Fassung spielt, schließlich auch um deutsche Geschichte. Und da sei er als Ausländer vielleicht doch der geeignete Regisseur, weil er einen relativ unverkrampften Blick auf die deutsche Geschichte hat. Bei den "Homburg"-Inszenierungen nach dem Krieg, über die er gelesen oder die er auf Video gesehen hat, sei ihm aufgefallen, dass der Kurfürst fast immer als ein Potentat interpretiert wurde. "Das ist er einfach nicht", sagt Johan Simons, der zugibt, gerade die naheliegendste "Homburg"-Inszenierung, nämlich die von Dieter Dorn an den Kammerspielen (Premiere 1995) mit dem großen Rolf Boysen als Kurfürst, nicht zu kennen. So muss der Niederländer eben manches, was längst auf der Hand liegt, für sich ganz neu entdecken.

"Damals war Preußen mit einem Befreiungskrieg beschäftigt. Aber wir sind heute mit der Tatsache zweier Weltkriege befleckt", so Simons, da könne das Wort "Vaterland" nicht mehr so unreflektiert ausgesprochen werden. Und auch nicht das Bekenntnis, fürs Vaterland sterben zu wollen. "Das lässt sich nicht mehr so eins zu eins sagen." Also wird der Schauspieler zeigen, wie schwer ihm dieser Satz fällt, "wie er versucht, den Text zu sprechen, aber er kann die Wort kaum sagen".

Zweifel, Unsicherheit und Todessehnsucht, Disziplin, Menschlichkeit und Träumerei ­ Eigenschaften, die Kleists Figuren ausmachen. Für Johan Simons auch Attribute, die das einstige, den Dichter so prägende Preußen unter allen anderen Ländern hervorhoben. "Die Preußen waren damals eigentlich eine starke Demokratie -­ mit einem starken Militär. Das tolle an diesem Kurfürst ist doch, dass er zeigt, wie notwendig ein Gesetz ist, und wie menschlich es ist, es zerreißen zu können."

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