Christian Gerhaher
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Bariton Christian Gerhaher ist einer der Initiatoren von „Aufstehen für die Kunst“.

Eilantrag der Initiative „Aufstehen für die Kunst“

Urteil gegen Kulturöffnungen: Christian Gerhaher erhebt schwere Vorwürfe

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Mit Enttäuschung und Unverständnis reagiert die Münchner Initiative „Aufstehen für die Kunst“ auf die Ablehnung ihres Eilantrags. Wie mehrfach berichtet, wollte sie damit eine Öffnung von Theatern und Konzertsälen erreichen. Bariton Christian Gerhaher ist einer der Mitinitiatoren. Er erhebt Vorwürfe gegen den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof – und will nicht aufgeben.

Haben Sie das Urteil so erwartet?

Ja und nein. Einerseits ist es natürlich schwierig, in Zeiten eines ansteigendes Infektionsgeschehens ein Urteil in unserer Angelegenheit einzufordern. Andererseits haben wir den Eilantrag ohnehin lange geschoben. Die Benachteiligung der Künste bleibt ja trotz der hohen Corona-Fallzahlen. Wie das Urteil zeigt, ist die Verhältnismäßigkeit, also der Vergleich mit anderen Bereichen des öffentlichen und beruflichen Lebens, überhaupt nicht das Entscheidende gewesen für die Richter. Das finde ich sehr enttäuschend. Die Argumente auf unserer Seite sind klar und eindeutig, insofern habe ich das Urteil nicht so erwartet.

Die Hygienekonzepte und Pilotprojekte der Kulturszene lassen die Richter so gut wie nicht gelten ...

... das finde ich nicht nachvollziehbar. Und es gibt einen echten Fehler in der Urteilsbegründung. Das Gericht spricht davon, dass die Studien nicht abgeschlossen seien. Es ist richtig, dass einige noch offen sind – wobei trotzdem anwendbare Ergebnisse vorliegen. Aber eine Studie, nämlich die der TU München, in der es um die Pilotprojekte an der Bayerischen Staatsoper und im Gasteig ging, ist sehr wohl abgeschlossen. Und sie hat Eindeutiges erbracht. Wir hoffen, dass im Hauptsacheverfahren dieser Fehler des Gerichts korrigiert werden wird. Unser Anwalt klärt gerade, ob wir vor das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig oder das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gehen.

Von welchem Kunstbegriff geht das Gericht aus?

In der Mitteilung des Verwaltungsgerichtshofs stand ein Satz, der kurios ist: Kunst- und Kulturgenuss würden nicht von der Kunstfreiheit gedeckt. Das ist ein doppelter Fehler. Erstens wird damit Kunst als Produzent von Genuss verstanden. Das geht in Richtung reines Entertainment. Und dies ist einfach unrichtig. Die Kunst ist ja gerade dazu da, dass sie sich nicht instrumentalisieren lassen muss in ihrem Zweck. Sie ist nicht Erbauung, Unterhaltung und Freizeitaktivität. Das andere Problem: Die Rolle des Publikums wird nicht verstanden. Natürlich braucht jede Kunst ein Publikum. Und zwar nicht zum Klatschen, zum Zahlen und zum Genuss, sondern als Interpreten. So wie ein Darsteller ist auch ein Publikum Interpret eines Werks – auf einer etwas anderen Ebene. Kunst entsteht immer, damit sie wahrgenommen wird. Ich kann nicht verstehen, wie sich ein Richter anmaßen kann, das zu negieren.

Wird die Wirtschaftskraft der Künste unterschätzt?

Dieses ständige Gerede von „die Wirtschaft zuerst“ verstehe ich nicht. Auch die Kulturwirtschaft ist Wirtschaft. Abgesehen davon: In Großraumbüros durfte seit Beginn der Pandemie ohne Testungen weitergearbeitet werden. Und bei uns? Ich verstehe nicht, was für ein Gesellschaftsbild manche Politiker haben. Gehören die Künste nicht dazu? Wie können sie sich das anmaßen? Denken wir nur an das drohende Verbot von Ostergottesdiensten. Was gab es da für einen Aufschrei. Dabei kann man die genauso im Fernsehen oder im Internet übertragen, wenn es im Interesse der Volksgesundheit sein soll. In Theatern und Konzertsälen wird die Luft alle neun Minuten ausgetauscht, in den Kirchen steht manchmal noch die Luft der Erbauungszeit.

Im Urteil heißt es sinngemäß, es seien ja „nur“ Aufführungen vor Publikum untersagt. Wie geht man als Sänger mit einer solchen Einschätzung um?

Wie wir alle wissen, werden Live-Stream-Angebote von vielen nicht goutiert – sie gehen aber seltsamerweise weiter. Ganz ineffektiv sind sie offensichtlich nicht. Insofern verstehe ich das Gericht, wenn es sagt, man könne seine Kunst weiter ausüben – wenngleich in sehr eingeschränkter Weise. Was ich schlimm finde: Überspitzt gesagt wird behauptet, ein Sänger könne ja auch in der Badewanne singen. Oder er dürfe ein bisschen proben. So geht’s natürlich nicht. Ein Komponist und ein Schriftsteller kann weiter für die Schublade arbeiten. Aber damit entsteht kein wahrnehmbares Werk. Die Kunst ist erst dann frei, wenn sie sich der Interpretation ausliefert. Das Schlimmste an diesem Urteil – neben der Nicht-Respektierung wissenschaftlicher Ergebnisse – ist das Missverstehen des Wesens der Künste.

Hätte man außerhalb Bayerns ein anderes Urteil bekommen?

Ein Verwaltungsgericht ist etwas anderes als ein Verfassungsgericht. Es schaut, das haben wir nun gelernt, immer mit einem Auge auf die Politik und auf die Umsetzbarkeit einer Maßnahme. Und wenn die politische Linie nun mal so ist wie in Bayern, wo Kultur keine Rolle spielt, dann wird sich wahrscheinlich das Verwaltungsgericht von dieser politischen Linie infizieren lassen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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