Foto: thomas dashuber

Premierenkritik

"Urteile": Die Fenster aufgestoßen

München - Uraufführung im Marstall: Christine Umpfenbach richtet in „Urteile“ den Blick auf die Hinterbliebenen der NSU-Opfer.

Mit Verlaub, aber diese Feststellung ist pervers: Ja, die Geschichten sind es wert, erzählt zu werden. Sie gehören – zumindest so, wie wir sie im Münchner Marstall erleben – auf die Bühne. Und dennoch müssten diese Geschichten eigentlich nicht erzählt werden. Denn hätte es die Rechtsterroristen des NSU und ihre Morde an acht türkischstämmigen Männern, einem Griechen und einer Polizistin nicht gegeben, wäre Christine Umpfenbachs „Urteile“ nie realisiert worden. So aber ist es richtig und gut, dass es diesen Abend am Münchner Residenztheater gibt.

Die Regisseurin nennt ihre Inszenierung ein „dokumentarisches Theaterprojekt“ über Habil Kılıç (ermordet am 29. August 2001) und Theodoros Boulgarides (ermordet am 15. Juni 2005), die beiden Münchner Opfer des NSU. Umpfenbachs Vorhaben hätte scheitern und im Sumpf allerbester Absichten steckenbleiben können. Das ist es nicht – und im herzlich-heftigen Schlussapplaus nach der Premiere am Donnerstag war die Erleichterung darüber spürbar. Der gute Wille, das Herzensanliegen aller Beteiligten in Ehren – aber die einzige Frage, die hier interessieren darf, ist, ob „Urteile“ als Inszenierung funktioniert.

Christine Umpfenbach ist es tatsächlich gelungen zu zeigen, wozu Theater in der Lage sein kann: Einer wahren Geschichte, die seit fast einem Jahr wenige Minuten vom Marstall entfernt juristisch aufgearbeitet wird, durch Verdichtung eine weitere Ebene hinzuzufügen und bestenfalls einen neuen Blick auf das Geschehen und seine Folgen zu ermöglichen. Natürlich kennt man als Zeitungsleser viele Fakten, die an diesem Abend verhandelt werden. Durch die drei Schauspieler Demet Gül, Gunther Eckes und Paul Wolff-Plottegg bekommen die Berichte der Angehörigen der Opfer, ihrer Arbeitskollegen, aber auch der Journalisten, die über die Morde berichtet haben, Plastizität und Wucht. Es sind kleine, unscheinbare Sätze, die in dieser Inszenierung Fenster aufstoßen, und die Zuschauer ahnen lassen, welche Stürme in den Hinterbliebenen getobt haben müssen. Sätze wie: „Die haben mir Kaffee angeboten, ich wollte meinen Mann sehen.“ Kılıçs Frau fasst so ihre Befragung durch die Polizei zusammen.

Umpfenbach und die Soziologin Tunay Önder haben für „Urteile“ mit Menschen aus dem Umfeld der Getöteten gesprochen. Aus diesen Interviews destillierten sie den Abend. Das große Verdienst von Regisseurin und Schauspielern ist es nun, dass sie diesen nicht zwanghaft mit Bedeutung aufzuladen versuchen. Vielmehr begegnen sie jeder Äußerung – ob von Familienmitgliedern, überforderten Polizisten oder schlagzeilengeilen Journalisten – mit Zurückhaltung und Respekt.

Für einen solchen Ansatz hat Eva-Maria Bauer den idealen Raum geschaffen: Die Zuschauer sitzen auf drei Seiten um die Spielfläche, die außer einem Tisch und einigen Sitzgelegenheiten kaum Requisiten braucht. Ein Laufband informiert über die wichtigsten Fakten sowie über die jeweiligen Sprecher. Ein Baum hängt, mit seiner Krone nach unten, über der Bühne: Sinnbild für Herausgerissensein, Entwurzelung. Gefühle, die die Hinterbliebenen gehabt haben müssen, als sie im Visier der Ermittler waren. Sinnbild aber auch für eine Gesellschaft, die jahrelang kopf stand – und egal, ob Polizei, Politik, Lehrer oder Medien – nicht lassen wollte vom Verdacht, die Morde gingen aufs Konto der „Türkenmafia“.

Dieser Abend macht außerdem klar, dass solches Vorverurteilen kein singuläres Merkmal im Zusammenhang mit den NSU-Morden ist. Immer wieder geht Umpfenbach in „Urteile“ weg von den konkreten Taten und beleuchtet alltäglichen Rassismus. Eine Stärke, die diese Inszenierung über die Rolle eines Kommentars zum aktuellen Prozess hinaushebt.

Leider geht jedoch im Lauf der knapp zwei Stunden die Konzentration des Beginns etwas verloren. Die Regisseurin und ihre Co-Autorin Azar Mortazavi wollten offenbar möglichst viele der überzeugenden Möglichkeiten nutzen, ihr Stück zum Ende zu bringen. So fasert „Urteile“ am Schluss leicht aus. Dass dies kaum stört, liegt an den Darstellern, die in dieser Inszenierung (und gerade am Premierenabend, an dem viele Angehörige von Habil Kılıç und Theodoros Boulgarides im Publikum saßen) eine schwere Aufgabe zu bewältigen haben: ein hochemotionales Thema ohne gespielte Emotionalität zu verhandeln. Es gelingt. Großer Respekt dafür.

Nächste Vorstellungen am 16. April, am 18. und 26. Mai sowie am 14. Juni; Telefon 089/ 2185 1940.

Michael Schleicher

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