Die Utopien der Baukunst

- Monsieur Hulot, der schüchterne Chaot alten Schlages, verirrt sich in den Pariser Neubauvierteln, hadert mit neonleuchtenden Erfindungen, rennt gegen Glastüren steriler Bürotrakte, erschließt sich die aberwitzigen Reize modernster Autotechnik und kämpft mit der stilgerechten Nutzung neuester Haushaltsgeräte. Die liebenswerte Komödienfigur wurde zum berühmten und preisgekrönten Kritiker moderner Lebensweise.

<P>Ihr Schöpfer und Darsteller Jacques Tati (1907-1982) machte mit seinen insgesamt nur fünf Kinofilmen größte Furore. Es ist die Kombination des hilflosen Charakters mit der hintergründigen Sezierung des Fortschritts, die bis heute für niveauvolle, breitenwirksame Situationskomik sorgt.</P><P>Im Architekturmuseum München in der Pinakothek der Moderne wird das Augenmerk auf die Utopien der Baukunst und ihre vernichtenden Ergebnisse gelegt.</P><P>Der feine Spott des französischen Filmers</P><P>Die Ausstellung "Die Stadt des Monsieur Hulot. Jacques Tatis Blick auf die moderne Architektur" ist eine interdisziplinäre, ansprechende Übernahme aus Frankreich. Per Bild, Film und Zeichnung werden gewaltige Lehrsätze zu Wohnen, Arbeiten, Verkehr, Freizeit und Kulturerbe aus Le Corbusiers Charta von Athen (1943) mit ihrer absurden Umsetzung konfrontiert.</P><P>Der feine Spott des französischen Filmers überzieht die Neuorientierung und das Wirtschaftswunder der 1950er bis 70er-Jahre. Der Held befindet sich stets im Dilemma zwischen überholter Tradition und abstruser Modernität. Die Neuordnung der Arbeitswelt wird in "Playtime" (Herrliche Zeiten, 1967) kommentiert: Bürozellen und glatte Hochhäuser nehmen dabei die künftige Architektur Paris' vorweg. In Zusammenarbeit mit dem Filmarchitekten Jacques La Lagrange entwarf Tati hier eine gigantische Kulissenstadt.</P><P>Als Gegenpol zur Arbeitswelt entsteht eine organisierte Freizeitbranche. "Die Ferien des Monsieur Hulot" (1953) zwischen idyllischen Strandorten und Sporttempeln werden ebenso wie der Campingbus zum Prestige- und Kultobjekt (in "Trafic", 1971). Am schlimmsten trifft dieser Trend den Wohnbereich. Die legendäre Villa Arpel aus der Satire "Mein Onkel" (1958) mit der klinisch weißen Hausfrauenperfektion lehrte nicht nur den Pariser Vorstadttrottel Hulot das Staunen. Ein akribisches Modell, Skizzen, Aquarelle und Fotos machen das frühe High-Tech-Stück zu einem spaßigen Kapitel Design- und Technikentwicklung, das heute zwischen Futurismus und Retrotrend wieder zahlreiche Anhänger hat.</P>Bis 2. Mai, Katalog 12 Euro, Tel. 089/ 28 92 83 33.

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