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Haltung zeigen als Dirigent – Valery Gergiev gelingt das nur bedingt.

Münchner Philharmoniker

Gergiev und Bruckners Dritte: Pauschalreise in die Fremde

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München - Valery Gergiev wagt sich mit Bruckners Dritter erneut ins Kernrepertoire der Münchner Philharmoniker - und enttäuscht.

Als ob er nur in seinem ureigenem Biotop ernten würde, wo all die dankbaren Prokofjews, Skrjabins und Tschaikowskys sprießen. Nein: Valery Gergiev hat in seiner ersten Chefsaison bei den Münchner Philharmonikern sogar schon Brahms, Beethoven, auch Strauss riskiert, mit wechselndem Erfolg. Doch Bruckner, das ist ein anderes, ein heiliges Thema bei diesem Ensemble, das dank einer langen Aufführungstradition immer noch als Spezialtruppe für den Klangkathedralenbauer aus Linz gilt. Die dritte Symphonie ist allerdings ein Sonderfall. Sogar Sergiu Celibidache, seinerzeit Bruckners Stellvertreter auf Erden, wagte sich kaum daran, Christian Thielemann probierte während seiner Münchner Ära die ausufernde Urfassung aus (ein einziges, letztes Mal, wie er danach meinte), Gergiev wählte für sein aktuelles Programm nun die gängige Letztfassung.

Ein undankbares Stück gleichwohl, eher komplexe, auseinanderstrebende Stoffsammlung im Gegensatz zu den späteren, selbstgewiss ausschwingenden symphonischen Schwestern. Was bedeutet: Der Interpret muss noch mehr Haltung zeigen, Scharnierstellen, Schichtungen und Entwicklungen bewusst gestalten. Gergiev tat kaum dergleichen. Das Werk „passierte“ einfach. Den Blick oft fest in die Noten gerichtet, verließ sich der Chef auf die Bruckner-Erfahrung seiner Musiker, besonders auf Konzertmeister Julian Shevlin, der mehr als sonst zum Ko-Koordinator des Abends wurde.

Am enttäuschendsten gleich der Kopfsatz. Kein einziges Mal setzte die getupfte Streicherfigur sauber ein. Unscharfes, Diffuses auch danach, man fühlte sich als Zeuge einer Durchlaufprobe. Und wo Bruckner Korrespondenzen, Dialogisches anbietet, etwa einmal in einem gegenläufigen Cello-Moment der zweiten Themengruppe, der aktiv eingepasst werden müsste, da ließ dies Gergiev lediglich verbuchen und geschehen. Um dann an wenigen anderen Stellen unmotiviert Details hervorzuheben: eine bloße Verstärkung ohne entwicklungsdramatische Funktion.

Gelegentlich wurde schon so etwas wie Interpretation spürbar, zum Beispiel in den energiereichen Streicher-Phrasierungen des Adagios, auch in seiner „Tristan“-haften Leere. Oder im bäuerlich und humoristisch derb genommenen Trio des dritten Satzes. Oder einmal in einer recht zupackend organisierten Blech-Episode des Finales. Doch ein Sensorium für Bruckners Grammatik, für diese so besonderen, oft plötzlichen Kulissenwechsel, bei denen Atmosphäre, Klangfarben und Energiegehalt umschlagen, hat Gergiev eher nicht. Oder vielleicht doch erst nach der zweiten, dritten Aufführung, wenn alles eingerastet ist? Und zum Beispiel nicht erst bei der Wiederholung des Hauptthemas im dritten Satz klar ist, welches Tempo eigentlich gemeint ist?

So deutlich wie an diesem Abend, auf Gergievs Pauschalreise in die Fremde, wurde es womöglich noch nie: hier das Repertoire, mit dem er fremdelt (was auch seinen Beethoven- und Brahms-Dirigaten anzuhören ist), dort die andere Spielwiese, auf der er sich wohl und frei fühlt. Gergiev braucht dankbare Angebote der Komponisten, deshalb funktioniert zum Beispiel Richard Strauss. Und deshalb dürfte auch das Odeonsplatz-Konzert am 16. Juli mit dessen „Rosenkavalier“-Suite, Tschaikowskys erstem Klavierkonzert und Ravels „Bolero“ ein Erfolg werden. Aber auch die spezielle Doppelbödigkeit von Prokofjew liegt Gergiev – man höre dazu nur beim aktuellen Programm den Block vor der Pause. Ein Funkeln, Blitzen und Moussieren in der ersten, so parodistischen Symphonie, erst recht dank der bewusst und bedenklich überdrehten Tempi. Fast jede Pointe wurde genutzt, ohne sie billig auszustellen. Trotz großer Besetzung wedelten die Philharmoniker da locker durch Prokofjews Slalom. Ganz anders die Siebte, deren Gehalt Gergiev hier enttarnte: Hinter vermeintlicher Einfachheit verbirgt sich da etwas Seltsames. Eine Komposition, die mit gequältem Lächeln auch von Verschattetem erzählt.

Die Deutung dieser beiden Symphonien wird also in Erinnerung bleiben von einem ungewollt aufschlussreichen Konzert – und ein überzeugendes Akustikexperiment bei der Orchesteraufstellung. Ob es am französischen TV-Sender lag, der alles mitschnitt, oder nicht: Ganz an die Rückwand waren die Philharmoniker gerutscht, wo die Kontrabässe aufgereiht waren und für eine endlich spürbare Grundierung sorgten. Aber wie weit sich wohl der Chef ins Kernrepertoire nicht nur seines, sondern eines jeden Orchesters vorwagt? Antworten gibt’s am Montag, bei der Vorstellung von Gergievs zweiter Münchner Saison.

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