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„Seine Putin-Nähe wird bleiben“: Valery Gergiev dirigiert in der kommenden Saison 43 Konzerte.

Neuer Chefdirigent Valery Gergiev

Schwerlastverkehr im Gasteig

München - Von seiner Putin-Nähe will man sich die Aufbruchsstimmung nicht verhageln lassen: Die Münchner Philharmoniker stehen vor ihrer ersten Spielzeit mit Chefdirigent Valery Gergiev.

Illusionen macht man sich offenbar keine. „Seine Putin-Nähe wird bleiben“, formuliert es Orchestervorstand Stephan Haack. Schließlich habe Russlands Präsident viel für das St. Petersburger Kulturleben um Valery Gergiev getan. „Wir können ja Dinge aus unserer Sicht einbringen, die ihm noch nicht bewusst sind.“ Von der Politik will man sich allerdings die Aufbruchstimmung nicht verhageln lassen: Die Münchner Philharmoniker stehen vor ihrer ersten Spielzeit mit dem neuen Chefdirigenten. Und der geht gleich in die Vollen, nicht nur, was das Repertoire anbelangt, sondern auch seine Präsenz. Zur gestrigen Saison-Präsentation weilte er allerdings nicht in München, das wird im Mai nachgeholt

Mitte September, zum Start also, dirigiert Gergiev innerhalb einer Woche drei verschiedene Programme. Von den insgesamt 98 Philharmoniker-Konzerten in der nächsten Saison leitet er 43, stolze 20 dabei auf Reisen. Nach mehr als einem Wodka verlangt dies – nicht, weil hier ein Russe am Pult steht, sondern weil die Werkauswahl das provoziert. Gewichtige symphonische Kost prägt Gergievs erste Spielzeit, ob von Mahler, Bruckner, Tschaikowsky oder Schostakowitsch. Dazu gibt es Besonderes wie Wagners ersten „Walküre“-Akt und das Open Air auf dem Odeonsplatz.

Philharmoniker-Intendant Paul Müller umschreibt das alles als „dialogische Programme“: Da Gergiev russisch geprägt sei und nun an der Isar arbeite, wolle man „die Spannung, die in diesem Verhältnis liegt“ in der Stückwahl umsetzen. Oft kommt es also an einem Abend zur west-östlichen Konfrontation. Überdies, so Müller, möchte man mit der kommenden Spielzeit die Geschichte der Symphonie im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert nachzeichnen. Rein besetzungstechnisch herrscht also im Gasteig künftig Schwerlastverkehr.

Neben dem neuen Chef wurden als Gastdirigenten unter anderem Semyon Bychkov, Ton Koopman, Paavo Järvi, Kent Nagano und eine Reihe der jüngeren Riege verpflichtet. Ehrendirigent Zubin Metha ist wieder dabei. Und Sängerin Barbara Hannigan, Mittelpunkt der „Soldaten“ an der Bayerischen Staatsoper, darf bei den Philharmonikern ihrer Dirigierleidenschaft nachgehen. Sein Abonnementsystem will das städtische Orchester der veränderten Nachfrage anpassen. Immer mehr (vor allem jungen) Musikfreunden steht der Sinn nach größerer Flexibilität – acht fest vereinbarte Konzerte, so etwas kommt offenbar langsam aus der Mode. Vier Abo-Reihen werden in der kommenden Spielzeit daher von fünf auf vier Abende abgespeckt. Ein reines, zu höheren Preisen angebotenes Chef-Abo gibt es künftig nicht mehr.

Zumindest eine Sache haben die Münchner Philharmoniker mit Valery Gergiev erreicht: Sie sind relativ häufig international präsent. Im November zum Beispiel unternimmt man eine ausgedehnte Asien-Tournee, im Januar 2016 gibt es einen Abstecher nach Spanien, im April einen nach Skandinavien mit Finale in Gergievs Heimat St. Petersburg. Und sogar für eine Opernproduktion im Festspielhaus Baden-Baden wurde man – wie einst unter Christian Thielemann – gebucht: Im Mai 2016 wird dort Boitos „Mefistofele“ aufgeführt, dann aber unter Stefan Soltesz.

Orchester und Intendanz sind bemüht, den Eindruck zu zerstreuen, Gergiev könne für die vielen Termine nicht ausreichend proben. Er, der für seine Instant-Dirigate berüchtigt ist, sei grundsätzlich bei jedem Konzert für drei Arbeitseinheiten plus Generalprobe verpflichtet worden, sagte Paul Müller. Im Einzelnen werde dann entschieden, ob weniger oder mehr Proben angesetzt werden.

Welche Position die Philharmoniker in der Konzertsaal-Debatte einnehmen, ist angesichts verbaler Ausweichmanöver nicht erkennbar. Dass man ein Gegner des BR-Symphonieorchesters sei, stimme nicht, beteuerte Paul Müller. Der Intendant verwies ansonsten auf die Beratungen der städtisch-freistaatlichen Arbeitsgruppe. Im übrigen, so Orchestervorstand Stephan Haack, verstehe man, dass ein Spitzenensemble wie das vom BR eine Heimat brauche: „Ich gehe sowieso davon aus, dass der neue Saal kommt.“

Markus Thiel

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