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Seiner Energie und Hingabe an die Musik konnte sich gestern im Gasteig niemand entziehen: Valery Gergiev.

Valery Gergiev

Fünf Konzerte in zehn Stunden: „Prokofjew-Marathon“ im Gasteig

München - Dass alle Münchner einmal ein Konzert in der Philharmonie im Gasteig besuchen – das gab Valery Gergiev bei seiner Einführung als Ziel aus. Das Festival MPHIL 360º soll ein Anfang sein: fünf Konzerte, 15 Werke in knapp zehn Stunden

Am Sonntag war der Höhepunkt mit einem gewaltigen Kraftakt: fünf Konzerte, 15 Werke in zehn Stunden. Das Zentrum, an dem sich das übrige Repertoire orientierte, waren die „Prokofjew-Marathon“ betitelten fünf Klavierkonzerte mit fünf Solisten. Da dieses Mammutprogramm für die Münchner Philharmoniker allein nicht zu wuppen gewesen wäre, bekamen sie Unterstützung von Gergievs Mariinsky Orchester aus St. Petersburg, das drei der fünf Konzerte übernahm.

Bei einem solchen Festival stellt sich die Frage, an wen es sich eigentlich richtet. An Liebhaber, denen Wagner nicht genug ist und die sich gern zehn Stunden Musik am Stück gönnen? An ein junges, eventuell klassikfernes Publikum? Oder, wie es der Anspruch Gergievs vermuten lässt, an die breite Öffentlichkeit? Eine Frage, die im Gasteig nicht beantwortet wurde.

Viele Ressourcen schienen verschenkt. Mehr „Event“ hätte schon sein dürfen. Backstage-Besuche etwa, damit das Publikum mit Musikern sprechen kann. Oder Kooperationen mit Sing- und Musikschulen, wo die Jungen ihr Können zeigen und so Familien in den Gasteig locken. Oder ein kulinarisches Angebot, denn es muss ja nicht beim Kunstgenuss allein bleiben.

Hoffentlich denken die Philharmoniker darüber nach, denn die Qualität der Konzerte war sehr hoch. Das Mariinsky Orchester zeigte, was die Vorteile einer so langen Partnerschaft sind, die sie mit ihrem Chefdirigenten verbindet. Sehr flexibel, auf kleinste Winke gehorchend und homogen im Klang (von einer überpräsenten Flöte abgesehen) interpretierten die Musiker Prokofjews Symphonie classique. Haydns Symphonie „Der Bär“ dachte Gergiev musikhistorisch nach vorne, mit breitem Ton, langen Bögen bei gleichzeitiger Beweglichkeit. Dies hört man in dieser Form selten – doch bestand so nie Gefahr, sich in Details zu verfransen. Solist Herbert Schuch behauptete sich im Ersten Klavierkonzert gegen das dick instrumentierte Orchester und offenbarte in leisen Momenten Innigkeit und technische Brillanz. Danach war Denis Matsuev an der Reihe. Das Zweite Klavierkonzert lässt dem Solisten kaum Zeit, sich zu „erholen“, eine halsbrecherische Fingerkaskade löst die nächste ab. Matsuev meisterte dies mit nicht versiegender Energie.

In der Freischütz-Ouvertüre agierten die Petersburger allerdings merkwürdig zahnlos und in Webers „Aufforderung zum Tanz“ in der Orchesterfassung von Berlioz fehlte die Leichtigkeit.

Um 15 Uhr nahmen die Münchner ihre Arbeit auf. Vor Kraft strotzend brachten sie Regers „Vier Tondichtungen“ nach Arnold Böcklin – als wollten sie klar machen, wer Herr im Haus ist. Solist bei Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3: der erst 25-jährige Usbeke Behzod Abduraimov. Beeindruckend reif wirkte sein Spiel, mit Tiefgang und mitreißendem Anschlag.

Natürlich kann man sich über Gergiev als „Marathon-Mann der Klassik“ lustig machen, sein Umherreisen und scheinbar wahlloses Vieldirigieren kritisieren. Doch wer ihn an einem solchen Tag erlebt hat, der kann sich der Bewunderung für diese Konzentrationsleistung, dieser Energie und Hingabe an die Musik nicht entziehen.

von Maximilian Maier

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