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Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?

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Von: Markus Thiel

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Verbuchung der Partitur statt diskussionswürdige Haltung zum Werk: Valery Gergiev am Pult in der Münchner Philharmonie. © Foto: Bernhard Bürklin

Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker setzen ihren Bruckner-Zyklus mit der Achten fort. Eine Enttäuschung.

München - Einmal ordentlich durchlüften und weg mit dem Weihrauch: Darum geht es hier gar nicht. Natürlich kann und soll man Bruckner anders spielen, zugespitzter, zügiger, diesseitiger, auch moderner, wenn man so will. Kein Mensch verlangt, dass die Münchner Philharmoniker das Unmögliche vollbringen, nämlich ihre lange Tradition gerade bei diesen Symphonien immer wieder museal beschwören – und damit sind nicht nur die legendären Abende unter Sergiu Celibidache gemeint.

Was allerdings vorteilhaft wäre, wie diese Aufführung in der Philharmonie zeigt: eine Idee, eine Haltung, ein Zugriff gerade auf die hierorts so heilige achte Symphonie, der nicht nur Vortragsanweisungen der Partitur befolgt, sondern sie erfüllt. Valery Gergiev hätte es im Grunde leicht. Es gibt ja bei den Philharmonikern ein fast einzigartiges Klangbewusstsein für diese Kolosse. Man hört es auch jetzt noch oft – im selbstbewussten Phrasenspannen der Streicher, in wunderbaren Bläser-Soli, die ganz natürlich und ebenmäßig dem Riesenkollektiv erwachsen. Doch dann gibt es Augenblicke, in denen man seine Philharmoniker nicht wiederzuerkennen glaubt, am ärgsten im ersten Satz. Kleckernde Einsätze und – am schlimmsten – einmal eine vollkommen aus dem Ruder laufende Tutti-Stelle.

Begrenzte Schlagtechnik des Chefs

Gerade in diesen Momenten wird deutlich, wie begrenzt die Schlagtechnik Gergievs ist, auch wie uneindeutig. Hinzu kommt sein nur rudimentär ausgeprägtes Empfinden für Bruckners Episoden-Dramaturgie. Wo andere Brüche klaffen lassen oder, was schwieriger ist, logische, satzübergreifende Tempo-Verhältnisse entwickeln, belässt es Gergiev nur bei der verbuchten Reihung.

Vielleicht war’s der Schock des Kopfsatzes: Der Abend besserte sich. Gergiev will der Achten eine Portion Furor verpassen, was ihr gut steht. Im zügig genommenen Scherzo bleibt dabei aber kaum Raum, um Details zu profilieren. Und im Finale stellt sich der Eindruck einer permanenten Treibjagd ein. Manchmal funktioniert auch die Justierung der Klangschichten nicht. Zaubermomente glücken dafür im Adagio, das nicht in Feierlichkeit erstickt, sondern organisch pulsiert.

Und die Steigerungen? Sie sind gerade in der Achten stückformend. Gergiev ist viel zu schnell viel zu laut. Die Finalcoda, eine der ingeniösesten Einfälle Bruckners, der hier alle Themen übereinanderschichtet, wird ins diffuse Fortissimo hochgerissen. Ein riesiges Orchesterpotenzial verschenkt: Nach unterprobt riecht das – auch am starken Assistieren von Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici war das abzulesen. Gergiev arbeitet mit seinen Philharmonikern gerade an einem Bruckner-Zyklus. Warum, war an diesem Abend nicht herauszuhören.

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