Vladimir Putin (R) mit seinem Freund Valery Gergiev

Debatte um Putin-Freund

Valery Gergiev im Zwielicht

München - Es ist ungemütlich geworden für Valery Gergiev. Der künftige Chef der Münchner Philharmoniker wird immer stärker für seine Putin-Nähe und für die Duldung von dessen inhumaner Politik kritisiert. Hat sich der Musikstar schuldig gemacht?

Briten sind ja meistens etwas direkter. „La Damnation de Faust“ von Hector Berlioz stand neulich auf dem Programm des London Symphony Orchestra. Am Pult: Valery Gergiev. Ein passendes Stück, wurde im „Guardian“ geätzt – schließlich werde da von einem Mann erzählt, der mit dem Teufel paktiere. Einige Konzerte zuvor mussten Saal-Ordner im dortigen Barbican Center einschreiten. Ein Demonstrant hatte vor einem Gergiev-Konzert die Bühne geentert und den Dirigenten als Freund des Tyrannen Putin gebrandmarkt, der Störer wurde nach einer halben Minute von der Bühne gezerrt.

Auch an der New Yorker Metropolitan Opera kam es vor der Premiere von „Eugen Onegin“ zu Diskussionen und Protesten. Die Vorwürfe sind immer dieselben: Gergiev, der Putin-Freund, distanziere sich nicht von dessen inhumaner Politik, von dessen Hatz gegen Homosexuelle und andere Minderheiten. Putin-Unterstützerin Anna Netrebko, ebenfalls für das Werk des schwulen Tschaikowsky gebucht, veröffentlichte daraufhin ein windelweiches humanitäres Statement. Und auch Gergiev hat auf seiner Facebook-Seite reagiert. Er diskriminiere niemanden, heißt es dort, ob homosexuell oder nicht. Und: Die Behauptung sei falsch, dass er eine Anti-Schwulen-Gesetzgebung unterstützt habe. Er trete ein für die Gleichheitsrechte.

Doch da gibt es auch eine andere Aussage. In der niederländischen Zeitung „de Volkskrant“ wird Gergiev mit folgender Aussage zitiert, die sich auf das Gesetz gegen Homosexuelle bezieht: „In Russland tun wir alles Erdenkliche, um Kinder vor Pädophilie zu schützen. Dieses Gesetz bezieht sich nicht auf Homosexualität, es zielt auf Pädophilie.“ Also: Sind Schwule automatisch Kinderschänder?

In ein solches Zwielicht wie Valery Gergiev ist lange kein Künstler mehr gerückt. Und stets laufen die Vorwürfe auf eine Frage hinaus: Wäre es nicht seine Pflicht, gegen die diskriminierende Politik „seines“ russischen Präsidenten Stellung zu beziehen? Die Musikwelt kennt in diesem Zusammenhang verschiedene Modelle. Das Gegenbild zu Gergiev ist Daniel Barenboim. Der wird seit Jahrzehnten nicht müde, für die Aussöhnung von Israelis mit Palästinensern und gegen die Politik Israels mit ihrem Siedlungsprogramm zu streiten. Nestbeschmutzung wird ihm dort vorgeworfen, eine Rolle, die der Besitzer eines israelischen Passes mit Hingabe erfüllt.

Künstler kollaborieren mit der Obrigkeit: Da mag mancher stöhnen, nun werde wieder die „Nazi-Keule“ herausgeholt. Doch der Fall Gergiev erinnert an jene Zeit. Nicht unbedingt an Wilhelm Furtwängler. Der dirigierte regelmäßig vor den NS-Bonzen, ließ sich damit indirekt für das System einspannen und schwieg zu den braunen Vorgängen. Viel näher verwandt mit der Causa Gergiev ist ein anderer Fall: der von Heinz Tietjen. Der war Generalintendant der preußischen Staatstheater, ein Vertrauter Hitlers und leitete neben Winifred Wagner die Bayreuther Festspiele. Tietjen war der mächtigste reichsdeutsche Musikmann, ließ sich die Annehmlichkeiten des Systems gefallen, gilt für viele Historiker als Kollaborateur und wurde 1947 im Entnazifizierungsverfahren trotzdem entlastet.

Die Debatte über all dies ist folglich alt – und gerade wieder brandaktuell: Sind Künstler quasi „naturgemäß“ apolitisch? Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, hat mit Blick auf Valery Gergiev dazu eine eindeutige Meinung: „Ich finde, das Fundament der Kunst ist Wahrhaftigkeit und Humanität. Es versteht sich daher von selbst, dass man schon aus Eigeninteresse als Künstler nicht schweigen kann zu Inhumanität und Menschenrechtsverletzungen.“ Es gebe „eine gewisse ethische Grundverantwortung“ der Künstler. „Schon wenn man in diesen Dingen etwas verteidigt, macht man sich mitschuldig.“

Ähnlich formuliert es Josef E. Köpplinger, Intendant des Gärtnerplatztheaters: „Ich kann nicht für Herrn Gergiev, sondern nur für mich sprechen. Aber gerade wenn man auf gelebte Geschichte zurückblickt, auf das 20. Jahrhundert mit all seinem Terror und seinen Auswüchsen, auch auf die vergangenen zehn Jahre, dann müsste es für einen vernünftig denkenden Menschen reichen, zu gewissen Dingen zu sagen: Nein, so nicht.“ Nicht jeder Mensch sei persönlichkeitsstark genug, für eine humane Sache einzutreten. Kunst existiere überdies nicht im politikfreien Raum. „Entscheidend ist bei der ganzen Sache der Unterschied zwischen Diplomatie und Opportunismus, der muss deutlich gemacht werden.“

Erwächst daraus also eine Pflicht? Müsste zum Beispiel US-Dirigent Lorin Maazel, der aktuelle Philharmoniker-Chef, auch gegen die amerikanischen Folterungen in Guantanamo zu Felde ziehen? Wünschenswert wäre das vielleicht, doch auch hier sind die Dinge etwas anders gelagert: So nahe wie Gergiev ist keiner der Macht, er ist quasi Teil des russischen Systems.

Die Stadt München zieht sich in der Causa Gergiev auf eine formale Position zurück. Es drehe sich allein um die Frage, ob ihm als städtischer Mitarbeiter etwas vorzuwerfen sei, heißt es aus dem Kulturreferat. Eine politische Freundschaft zu Wladimir Putin sei dem künftigen Chefdirigenten der Philharmoniker nicht anzulasten. Und doch, das ist zu spüren, wird dem baldigen Arbeitgeber des Russen die Sache unangenehm. Die Münchner Philharmoniker haben auf ihrer Homepage eine Erklärung veröffentlicht: „Wir stehen für das demokratische, weltoffene und multikulturelle München, in dem respektvoll miteinander umgegangen wird.“

Ab Mitte Januar wollen Münchner Kultureinrichtungen sogar eine Art Bündnis gegen Intoleranz schließen. Theater- und Musikprojekte sind geplant, „mit denen wir alle Haltung zeigen können“, heißt es in der Ankündigung. Noch nicht bekannt ist freilich, wie sich die Philharmoniker beteiligen wollen. Von einem Anti-Diskriminierungskonzert, wie es Geigenstar Gidon Kremer in Berlin unter dem Motto „To Russia with Love“ organisierte, war noch nichts zu hören, geschweige denn von einem Dirigat Valery Gergievs.

Der ist ab Montag wieder zu Proben in München. Am 18., 19. und 20. Dezember dirigiert er bei den Philharmonikern ein Strawinsky-Programm. Die Rosa Liste hat inzwischen mobilgemacht. Unter eben jenem Berliner Motto „To Russia with Love“ wird am kommenden Mittwoch ab 18.30 Uhr vor dem Gasteig demonstriert. Gergiev, so die Rosa Liste, habe Homosexuelle mit Kindervergewaltigern gleichgesetzt und „verleugnet die aktuelle Hass- und Verfolgungspolitik der Putin-Regierung gegenüber Lesben, Schwulen und Transgendern“.

Doch Künstler können auch anders reagieren. Wie, das führt gerade Erwin Schrott vor. Wer die Facebook-Seite des Opernsängers aufruft, dem weht die Regenbogenfahne, Symbol der Schwulenbewegung, entgegen mit dem Schriftzug „Equality for all“ – Gleichheit für alle. Nicht verbürgt ist, ob Schrott das erst nach der Trennung von Anna Netrebko so eingerichtet hat.

Markus Thiel

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