Vom Vampir gebissen

- Mit Händels "Giulio Cesare" landete die Bayerische Staatsoper vor zehn Jahren einen Coup. Richard Jones' intelligente Inszenierung avancierte zur Kultaufführung. Ab Montag ist wieder eine Produktion des englischen Regisseurs, der hier auch Tippets "Midsummer Marriage" herausbrachte, zu besichtigen: "Pellé´as et Mé´lisande" von Claude Debussy (Nationaltheater). Unter der Leitung von Paul Daniel singen Garry Magee (Pellé´as), Robert Hayward (Golaud), Joan Rodgers (Mé´lisande).

<P>"Diese Oper ist eines meiner Lieblingswerke", verrät Jones. "Pellé´as ist wie ein Vampir. Er hat mich einmal gebissen und lässt mich nicht mehr los." So verwundert es nicht, dass die Münchner Arbeit seine dritte Auseinandersetzung mit dem Werk ist. Die erste "Pellé´as"-Regie besorgte Jones 1995 für die Opera North in Leeds, die Weiterentwicklung stellte er 2000 auf die Bühne der English National Opera, von wo sie nun als Koproduktion (Ausstattung, Hauptdarsteller) zu den Münchner Opernfestspielen wanderte.</P><P>Der Regisseur begann seine Karriere im Theater - er würde gern einmal in Deutschland Nestroy inszenieren -, hat auch gern und oft Musical inszeniert. Schließlich entdeckte er die Oper (oder sie ihn), und heute ist er in allen drei Sparten erfolgreich. "Wenn man mit Schauspielern arbeitet, vermisst man die Musik, aber ,Pellé´as ist ja eigentlich ein Theaterstück."</P><P>In der Tat basiert Debussys Oper auf dem Drama des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck. Für Jones ist "Pellé´as et Mé´lisande" nicht nur ein Märchen, "es ist mehr". Vielleicht ein bisschen Strindberg? "Ja sicher, die Paare sind ähnlich und tragen auch eine vergleichbare Grausamkeit in sich. Aber das Werk erinnert auch an Edgar Allan Poe, es ist wie ein langsamer Tod. Schrecklich, wie die Leute sich quälen." Jones plaudert nicht locker über sein Konzept, gibt auch nicht eloquent preis, was er sich alles gedacht hat. Immer wieder zieht er sich mit der Bemerkung "Es ist ein so persönliches Stück" wieder zurück.<BR>Aber schließlich gestattet er doch einen Einblick: "Mé´lisande ist eine Frau, die um ihr Schicksal weiß. Deshalb kann sie auch spielen - mit beiden Männern.</P><P>Ihre Verbindung zu Golaud ist durch Sexualität bestimmt. Ich bin auch sicher, dass ihr Kind von ihm ist. Mit Pellé´as verbindet sie hingegen eine Seelenverwandtschaft." Für Jones bleibt sehr viel offen, und er fordert das Publikum auf, der eigenen Fantasie zu vertrauen. In 15 verschiedenen Bildern nehmen er und sein Bühnenbildner Antony McDonald das Publikum mit auf eine psychologische Reise.</P><P>"Ich bin gespannt, wie das Publikum in München, wo Wagner und Strauss ihre Heimat haben, reagieren wird. Ich weiß auch, die Deutschen lieben es, wenn alles eine Bedeutung hat." Gleichwohl bevorzugt Richard Jones Vieldeutigkeit, ja Offenheit. Trotzdem hofft er, dass die Besucher sich bannen lassen, "dass sie vielleicht wegschauen möchten, aber nicht können. Dass sie sich getroffen fühlen in ihren eigenen Beziehungen." Klingt nach einem Besuch beim Psychiater? "Aber es ist doch besser in meinen ,Pellé´as zu gehen als auf die Couch."</P>

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